„Schauspieler werden… ein furchtbarer Gedanke!“
ein Gespräch mit Michael Kind
„Montag bin ich im Studio. Da können wir uns treffen.“ sagt Michael Kind nach der Autogrammstunde zu mir.
Als ich dort ankomme, läuft gerade ein komplizierter Dreh. „Kannst Du bitte noch warten? So etwa eine Stunde?“ fragt er mich. Klar – ich warte gern.
Als er fertig ist zieht er sich schnell um und wir beginnen unser Gespräch:
emr:
Du bist 8 Jahre nach Kriegsende geboren. Diese Zeit war ja nicht so einfach. Gab es Probleme hinsichtlich der Ausbildung usw.?
Michael Kind:
Nein. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Wir lebten am Stadtrand von Halle. Da gab es Wald, das Bruchfeld und den Krähenberg. In einem Gebiet, das voll von Bombentrichtern war, hatten sich Seen gebildet, in denen es Frösche und Molche gab. Es war eine wunderschöne Umgebung für Kinder.
Auch hinsichtlich der Ausbildung gab es keine Schwierigkeiten. Ich habe zehn Jahre die Schule besucht und anschließend meine Berufsausbildung mit Abitur gemacht. Das war zu diesem Zeitpunkt ein neuer Weg, bei dem man gleichzeitig eine Berufsausbildung und das Abitur machte.
emr:
Wolltest Du schon immer Schauspieler werden?
Michael Kind:
Nein, überhaupt nicht. Ein furchtbarer Gedanke! Ich bin zwar mit 12 oder 13 Jahren gern ins Theater gegangen, aber mehr deshalb, um mal von den Eltern unkontrolliert rauszukommen. Man konnte ja nie genau wissen, wie lange es im Theater dauert. Es war also ganz gut möglich, sich hinterher noch mit einer Freundin zu treffen. Das hat mir daran so gut gefallen.
Mit 13 Jahren habe ich eine Vorstellung des „Faust“ besucht. Der Darsteller des Faust, Kurt Böwe, griff sich das größte Buch, blies den Staub darauf weg und fing an zu deklamieren: „Habe nun ach…..“. Der Staub war weiß, also wahrscheinlich Waschpulver, und ich fühlte mich so richtig verarscht, holte meine Wasserpistole heraus und schoß auf ihn. Daraufhin wurde die Vorstellung unterbrochen und ich wurde aus dem Saal geführt. Später habe ich mich bei Kurt Böwe entschuldigt. Wir haben beide herzlich gelacht. Aber ich bin auch heute noch der Meinung, daß ein Jugendlicher mit dreizehn Jahren den „Faust“ noch nicht verstehen kann.
Da ich von Kind an Musik liebte, wollte ich sehr gern Musik studieren. Aber nach der Schule und der Elektriker Ausbildung sagte mir mein Direx: „Das kommt überhaupt nicht in Frage. Deine Ausbildung hat 16.000 Mark gekostet. 8.000 Mark davon hat der Staat bezahlt und 8.000 Mark das Kombinat. Du kannst entweder alles, was mit Elektrotechnik zu tun hat studieren, Lehrer werden oder zur Armee gehen.“
Das gefiel mir alles überhaupt nicht. Ich habe mich so durchgewurschtelt und mal dies – mal das gemacht. Ich habe zum Beispiel als Briefträger und als Modell gearbeitet. In Erfurt steht das Mephisto-Denkmal; dafür habe ich Modell gestanden.
Schließlich wurde ich zur Armee eingezogen. Das blieb mir also nicht erspart.
Zwischen meinem 18. und 25. Lebensjahr hab ich aber immer noch viel Musik gemacht. Dann mußte ich mich einer Stimmbandoperation unterziehen.
Ich habe im Studio Halle als Beleuchter gearbeitet. Ich beobachtete die Arbeit der Schauspieler und dachte: „Was die da machen, kannst Du auch.“ Schließlich bin ich in Anklam gelandet. Irgendwie hat’s geklickt und ich habe mich gleichzeitig in Berlin bei der Ernst-Busch-Schauspiel-Schule und bei der Seefahrtsschule in Wustrow beworben. Seefahrt – dachte ich – das wär’ doch was; die weite Welt sehen, aber immer mit der Rückversicherung, wieder nach hause kommen zu können und das Land nicht wirklich verlassen zu müssen. Und natürlich – in jedem Hafen eine Braut. Aber – mit der Seefahrt wurde es nichts. Also – jetzt sitze ich hier und bin Schauspieler. Und das gefällt mir jetzt auch richtig gut.
emr:
Spielst Du lieber im Theater oder im Fernsehen?
Michael Kind:
Das kann ich nicht sagen. Zuerst habe ich nur im Theater gespielt. Bis nach der Wende. Jetzt arbeite ich lieber für den Film.
emr:
Du bist – so wie ich Dich bisher erlebt habe – ein durchaus lockerer und fröhlicher Mensch. Der „Gruber“ tut sich da ja ein wenig schwer, aber Du bewältigst diesen Charakter meisterlich.
Überträgt sich die Fähigkeit eines guten Schauspielers, sich auf die darzustellenden Charaktere einzustellen auch auf die Menschenkenntnis im alltäglichen Leben?
Michael Kind:
Eher umgekehrt. Wenn ich keine gute Menschenkenntnis habe, kann ich die Rolle und ihren Charakter nicht wirklich erfassen und nachvollziehen, wie dieser Mensch sich fühlt – wie er reagiert.
Mein Gesellenstück war der Bodo Bennath in „Das Böse“. Er ist ein sehr angesehener Schulleiter in einer katholischen Kleinstadt. Er lebt nach dem Tod seiner Frau mit seiner Tochter allein im Haus. Er sehnt sich nach Zärtlichkeit und mißbraucht schließlich seine eigene Tochter. Das geht zehn Jahre gut, bis seine Tochter schwanger wird und er sie zur Abtreibung in einer holländischen Klinik zwingt. Die Tochter ist nun völlig unzugänglich und drängt ihren Vater, beim Pfarrer, der sein Freund ist, zur Beichte zu gehen. Die Geschichte geht sehr dramatisch weiter und endet mit zwei Morden.
Das war eine schöne, sehr anspruchsvolle Rolle. Ich mag mich gern mit den unterschiedlichsten Charakteren auseinandersetzen und den Abgründen der Menschen befassen.
emr:
Du bist durch Deinen Beruf sicherlich oft von Deiner Familie getrennt. Ist das eine Belastung für Dich?
Michael Kind:
Nein. Und sooft bin ich ja gar nicht von zu Hause fort. Außerdem empfinde ich gelegentliche Trennungen durchaus als positiv – so wäre das ja auch bei der „Christlichen Seefahrt“ geworden.
emr:
Was tust Du am liebsten in Deiner Freizeit?
Michael Kind:
Mit meiner Familie und Freunden zusammen sein.
emr:
Welches Buch hat Dir besonders gut gefallen?
Michael Kind:
Alle Bücher des schwedischen Autors Vilhelm Moberg. Er wurde im Jahr 1898 geboren und starb 1973. Da gibt es eine Romantrilogie mit autobiographischem Einschlag, in der er die Verwandlung Knut Torings beschreibt. Das ist ein Bauernsohn, der leidenschaftlich gern liest. Keiner in seinem Dorf hat dafür Verständnis. Schließlich geht er in die Stadt, um Journalist zu werden und kehrt enttäuscht und desillusioniert wieder zurück aufs Land, um einen Bauernhof zu bewirtschaften.
Der größte Erfolg wurde sein historischer Roman „Reit heut nacht“, den er 1941 schrieb. Das ist die Schilderung des Kampfes småländischer Bauern gegen die Unterdrückung durch einen deutschen Adeligen, die deutlich zeitbezogene Züge aufweist und zum Widerstand gegenüber dem Nationalsozialismus aufruft. Mobergs Bücher wurden daraufhin auch im Deutschen Reich verboten.
Am Beginn der 50er Jahre erschien Mobergs Hauptwerk, das sich mit der Emigration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigt, als ein Viertel der Bevölkerung Schwedens in die USA auswanderte.
(Er erzählt mit solcher Lebendigkeit und voller Temperament, daß er mich plötzlich fragt: „Erzähl ich zu schnell – kommst Du da überhaupt noch mit? Ich versichere ihm „Ja, ich brauch’ nur Stichworte. Ich höre Dir einfach ganz genau zu.“)
Insgesamt hat Moberg 18 Bücher geschrieben. Ich habe fast alle, aber einige fehlen mir; es gibt sie nicht in deutscher Fassung.
emr:
Welcher Film hat Dir besonders gut gefallen?
Michael Kind:
„Stilles Land” von Andreas Dresen.
emr:
Welche Musik hörst Du am liebsten?
Michael Kind:
Die Stones, Jazz, Frank Zappa und natürlich auch klassische Musik.
emr:
Wenn Du verreist, gibt es da ein Lieblingsziel?
Michael Kind:
Skandinavien! Zuerst – nach der Wende – als ich überall hinreisen konnte, wollte ich nach Italien. Aber das wollten alle. Da bin ich nach Skandinavien gefahren und war sofort begeistert. Die Weite der Landschaft und das nördliche Licht sind wundervoll!
emr:
Was ißt Du besonders gern?
Michael Kind:
(Er guckt verschämt in die Runde seiner Kollegen, die mittlerweile beim Mittagessen sind und antwortet:) Mittag!! (wir lachen gemeinsam. „Gleich sind wir fertig.“ versichere ich ihm) Nein – Käse! Ist es nicht phantastisch, was man heute alles zum Essen bekommen kann? Aber Käse esse ich wirklich am liebsten!
emr:
Was trinkst Du besonders gern?
Michael Kind:
Wodka.
emr:
Wie hältst Du Dich fit für Deinen Beruf?
Michael Kind:
Mit Wodka. (Wir lachen beide herzlich!)
emr:
Worüber ärgerst Du Dich am häufigsten?
Michael Kind:
Über Leute, die keinen Spaß im Beruf haben. Zum Beispiel, weil sie ihr Handwerk nicht verstehen und den anderen gegenüber schlecht gelaunt sind.
emr:
Wenn Du „Kaiser von Deutschland“ wärest, was würdest Du zuerst tun?
Michael Kind:
Reichtum und Arbeit anders verteilen und ein besseres Miteinander anstreben.
emr:
Wenn Du „Kaiser der Welt“ wärest, was würdest Du tun?
Michael Kind:
Ich würde auf eine einsame Insel gehen.
Ich danke Michael Kind für dieses lebendige, fröhliche und ehrliche Gespräch. Dann endlich – essen wir beide Mittag.
Interview und Fotos: emr
