Ein Bericht von Matthias Audrion
Harte Zeiten für Kapitän Ehlers: Etliche Male musste der Polizeihauptkommissar heute schon die traurige Nachricht vom Tod eines Tauchers überbringen. Musste schweren Schrittes die Gangway der „Albatros II“ hinunter – und dann immer wieder dieser tragische Satz: „Frau Thoma, es tut mir sehr leid, aber ihr Lebensgefährte Dr. Wittenberg hatte einen Unfall.“ Kein schöner Job. Auch nicht für einen erfahrenen Beamten wie Ehlers.
Darsteller Rüdiger Joswig trägt’s dagegen mit Fassung. Seit zehn Jahren spielt er bereits den sympathischen Kapitän Ehlers in der ZDF-Vorabendserie „Die Küstenwache“. Inzwischen ist er es längst gewohnt, einzelne Szenen immer und immer wieder aufs Neue darzubieten. Bis wirklich alles stimmt – und Regisseur Marcus Ulbricht die nächste Szene ankündigt.
Wir sind am Set der „Küstenwache“ im Neustädter Polizeihafen. Das Serienschiff „Albatros II“ liegt fest vertäut am Pier im Hintergrund – und heißt eigentlich ganz anders. Die „Neustrelitz“ ist auch im wirklichen Leben für die Neustädter Küstenwache unterwegs, und wird wie ihr Schwesterschiff „Bad Düben“ stunden- oder auch tagesweise an das Fernsehteam vermietet. Zu Beginn eines jeden Drehs wird sie kurzzeitig umgetauft – und das Namensschild einfach ausgewechselt.
Als er am frühen Abend auf den Pier des Neustädter Hafens tritt, steht Joswig bereits seit dem frühen Morgen vor der Kamera. Der Showdown der aktuellen Folge aus der neuen „Küstenwache“-Staffel ist da bereits im Kasten. Rund acht Stunden hat es gedauert, die knapp vier Minuten lange Sequenz auf der Ostsee zu drehen.
Doch Aufnahmeleiter Nils Hansen will die letzten Sonnenstrahlen noch ausnutzen und bittet gleich nach dem Anlegen der Filmcrew zur nächsten Szene. „Wir machen jetzt Einstellung 10/17, alle Schauspieler zur Stellprobe“, ruft er der erschöpften Crew entgegen, noch bevor deren Versorgungsschiff „Tina“ ganz an der Kaikante angelegt hat.
Zeit ist kostbar am Set der „Küstenwache“. Gerade mal acht Drehtage sind pro Folge eingeplant. Drei Folgen werden jeweils parallel gedreht, dann wechselt der Regisseur. Heute hat Marcus Ulbricht die Fäden in seiner Hand. Während sich die Komparsen, die beiden Mitarbeiter eines örtlichen Bestattungsunternehmens, noch auf ihre kurze Schauspielkarriere vorbereiten, geht Ulbricht mit Darstellerin Margit Sartorius schon einmal die nächste Einstellung durch.
Sartorius spielt in der anstehenden Szene die Lebensgefährtin eines erfahrenen Tauchers, der auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen ist. Viel zu tun hat sie nicht: Wenige Sekunden soll sie auf die im Hafen liegende „Albatros II“ zugehen, dann verstört auf den wartenden Krankenwagen an der Kaimauer blicken. Ulbricht lässt die Szene trotzdem viermal durchspielen, erst danach ist die Einstellung im Kasten.
Dann muss wieder alles sehr schnell gehen. Die gesamte Filmcrew samt Kameramann, Tonleuten und Ausrüstung zieht weiter, um sich wenige Meter den Kai hinunter neu zu sortieren. Produktionsleiter Hansen bereitet schon wieder die nächste Szene vor. Wichtigstes Hilfsmittel am Set: Unzählige Rollen an farbigen Klebebändern, mit denen auf dem Boden die Positionen der Schauspieler markiert werden. Gelb für Rüdiger Joswig, blau für Margit Sartorius, grün für Sabine Petzel – damit auch keiner vor seiner Zeit aus dem sorgfältig komponierten Bild läuft.
Jetzt haben auch die Komparsen ihren großen Auftritt: Sie haben die Aufgabe, die „Leiche“ des verunglückten Tauchers von Bord zu bringen. Immer und immer wieder. Denn jedesmal, wenn Regisseur Ulbricht etwas am Spiel seiner professionalen Hauptdarsteller nicht gefallen hat, heißt es auch für sie: „Zurück an den Anfang, und das Ganze nochmal von vorn.“ Bis die Szene stimmt. Zum Glück liegt im Kunststoffsarg nicht wirklich ein Schauspieler – doch der Job geht auch so in die Arme.
Rüdiger Joswig nimmt es gelassen. Kann er auch: Er genießt gerade seine wohlverdiente Drehpause – und steckt sich erst einmal genüßlich seine Pfeife an. Bis auch Kapitän Ehlers wieder vor die Kamera muss: „Frau Thoma, es tut mir sehr leid, aber ihr Lebensgefährte hatte einen Unfall…“
Quelle: Mit schriftlicher Genehmigung durch die Lübecker Nachrichten
Foto und Bericht: Matthias Audrion
