Sandra Beck – Drehbuchautorin
Sandra Beck (33) hat mehrere Jahre bei verschiedenen Filmproduktionen als Regie- und Produktionsassistentin gearbeitet. Sie hat zwei Jahre Regie an einer bayrischen Privatschule gelernt und zudem Filmwissenschaft auf Magister studiert. Letzteres hat sie auch fertig absolviert.
Sandra wohnt seit über zehn Jahren in Berlin und schreibt soviel sie kann. Nebenbei macht sie außerdem eine Ausbildung zur Yogalehrerin.
Ihre Hobbys sind:
Kino, Skandinavien, Reisen, Schwedisch lernen, Fotografieren, Lesen (momentan gerade vor allem Literatur über Buddhismus) und Yoga.
Sandra ist eines Tages auf meine Fanpage gestoßen und so haben wir uns per e-Mail kennen gelernt. Es freut mich sehr, dass sie zu einem Interview bereit war. Per e-Mail war schnell klar das wir uns duzen.
Und hier nun das Interview:
Jürgen P:
Wann hast Du Dich entschieden, Drehbücher zu schreiben?
Sandra B:
Ich habe eigentlich immer viel geschrieben, seit meiner Kindheit vor allem Gedichte und Kurzgeschichten. Als ich dann nach der Schule angefangen habe, im Filmbereich zu arbeiten (als Regie- und Produktionsassistentin) kam das Drehbuchschreiben automatisch dazu. Am Anfang war es natürlich nur für die „Schublade“, und erst als ich für die „Küstenwache“ angefangen habe zu schreiben, wurde endlich auch mal etwas von mir realisiert. Dass es die „Küstenwache“ wurde, lag daran, dass ich die Serie vorher als Dramaturgin mitbetreut hatte. Nach zweieinhalb Jahren Angestelltendasein entschloss ich mich Mitte 2003, mich selbständig zu machen, und hatte das große Glück, dass ich von der OPAL Film das Angebot bekam, die „Seite“ zu wechseln und als Autorin weiter zu arbeiten.
Jürgen P:
Schaust Du Dir Deine geschriebenen Folgen im Fernsehen an?
Sandra B:
Wenn ich es schaffe, ja. Oft habe ich zwar schon vorher eine geschnittene Fassung meiner Folge gesehen, aber die endgültig gemischte Folge mit Musik sehe ich meistens auch erst bei der Erstausstrahlung. Und natürlich sage ich immer all meinen Freunden und Verwandten, dass sie dann auch gucken müssen!
Jürgen P:
Hast Du vor „Küstenwache“ noch andere Drehbücher geschrieben?
Sandra B:
Wie gesagt: viel für die „Schublade“. Ich sehe mich immer noch als „Anfängerin“, da ich noch nicht viele verfilmte Drehbücher als Autorin vorzuweisen habe. Ich hoffe, das ändert sich bald.
Jürgen P:
Für welche anderen Filme oder Serien schreibst Du zur Zeit noch?
Sandra B:
Wenn man noch keinen „großen Namen“ hat wie ich, ist es schwer, bei anderen Serien einen Fuß in die Tür zu kriegen. Ich habe bereits bei mehreren anderen Serien etwas eingereicht, bisher aber nur Absagen erhalten. Trotzdem lasse ich mich nicht entmutigen und versuche es weiter. Außerdem arbeite ich an eigenen Stoffen, d.h. immer noch an meinem Traum, ein Kinofilmdrehbuch zu schreiben. Ich habe jetzt für einen Stoff gerade einen Antrag auf Drehbuchförderung gestellt und hoffe, dass das was wird.
Jürgen P:
Oder kann man nicht an verschiedenen Drehbüchern gleichzeitig schreiben?
Sandra B:
Doch, das kann man. Manchmal ist es allerdings etwas schwer, von einem Krimi zu einem Drama „umzuschalten“, deshalb versuche ich möglichst, immer ein paar Tage dazwischen zu schieben, in denen ich nicht arbeite. Mit zunehmender Erfahrung wird das aber leichter, habe ich das Gefühl.
Jürgen P:
Welche Tipps würdest Du Schreibanfängern geben?
Sandra B:
Schreiben, schreiben, schreiben. Und sich Leute zum Austausch suchen. Es ist essentiell, dass andere das Geschriebene lesen, um zu überprüfen, ob es verständlich, spannend und bewegend ist. Nach einer gewissen Zeit, in der man an einem Stoff arbeitet, wird man nämlich oft „betriebsblind“, d.h. man sieht nicht mehr, was dramaturgisch nicht stimmt. Das können manchmal ganz banale Sachen sein. Deshalb gebe ich all meine Sachen immer mehreren Leuten zum Lesen. Außerdem rate ich jedem, der Drehbücher schreiben will, regelmäßig Filme zu analysieren: Wie ist die Struktur, wie werden die Figuren gezeichnet, wie funktioniert der Dialog? Am besten ist es, von den Filmen ein minutiöses Szenenprotokoll zu machen, daran sieht man sehr gut, wie die Filme aufgebaut sind. Bücher über das Drehbuchschreiben zu lesen oder Seminare zu besuchen, ist auch sehr nützlich.
Jürgen P:
Hast Du totale Ideenfreiheit beim Schreiben oder gibt es Richtlinien?
Sandra B:
Ich mache jedes Jahr mehrere Vorschläge, welche Geschichten ich mir für die „Küstenwache“ vorstellen könnte. Es wird natürlich bei steigender Folgenzahl immer schwieriger, etwas Originelles zu finden, das noch nicht erzählt worden ist. Außerdem wird jede Geschichte mit der realen Küstenwache abgestimmt, d.h. es wird überprüft, ob die Küstenwache im vorliegenden Fall überhaupt zuständig ist. Außerdem gibt es gewisse Vorgaben seitens des ZDF, da es sich um ein Vorabendprogramm handelt und die Stories daher nicht zu brutal sein dürfen. Ich habe also schon eine Reihe von Einschränkungen.
Jürgen P:
Oder bekommst Du die Geschichten vorgelegt und musst diese in Drehbücher verwandeln?
Sandra B:
Nein, ich mache wie gesagt eigene Vorschläge. Das finde ich sehr schön, denn so kann ich selbst entscheiden, welche Geschichten ich gerne erzählen möchte.
Jürgen P:
Wie legst Du den zeitlichen Ablauf fest?
Sandra B:
Ich mache zu Anfang immer erst eine „Outline“, d.h. ich schreibe in Stichworten auf, wann was passieren muss: Wann muss welche Information gesetzt werden, wie laufen die Ermittlungen etc. Das ist erst einmal ein grober Handlungsablauf, dazwischen baue ich dann die „privaten“ Szenen u.ä. Die Struktur zu „bauen“, macht mir immer sehr viel Spaß, weil das auch immer ein bißchen knifflig ist, als ob man ein Rätsel entwirft.
Jürgen P:
Z.B. Wie viel Sekunden der Schauspieler A über das Gelände geht und wann er mit einem anderen spricht?
Sandra B:
Das lege ich nicht in Sekunden fest. Schreiben ist zwar zu einem großen Teil Handwerk, hat aber auch viel mit Intuition zu tun: Man spürt dann z.B., dass man jetzt aus der Szene herausgehen muss, um Spannung entstehen zu lassen.
Jürgen P:
Wie wäre es, wenn jemand eine mögliche Geschichte zu der Serie schreibt, könnte man daraus ein Drehbuch machen?
Sandra B:
Das kommt darauf an, ob die Geschichte bisher noch nicht erzählt worden und im Rahmen der Zuständigkeit der Küstenwache möglich ist. Es ist allerdings schwierig, einen Auftrag für eine Folge zu bekommen, wenn man nicht schon irgendwelche Erfahrungen als Drehbuchautor oder eine entsprechende Ausbildung vorweisen kann. Alle Filmproduktionen werden ständig von Ideenvorschlägen überrollt, aber mit unerfahrenen Autoren wird sehr selten gearbeitet, weil es meistens sehr zeitaufwendig ist.
Jürgen P:
Woher nimmst Du die Themen für die einzelnen Folgen?
Sandra B:
Aus unterschiedlichen Quellen: Büchern, Filmen, Fernsehserien, Zeitungsartikeln, dem Internet. Das Spannende am Autorenberuf ist, dass alles eine Quelle für die eigene Arbeit ist. Die Kunst ist dann, etwas Eigenes daraus zu machen.
Jürgen P:
Wie viel Zeit nimmt die Recherche für den Inhalt einer Folge ein?
Sandra B:
Ich recherchiere am Anfang sehr viel, damit die Geschichte auch plausibel und authentisch wirkt. Insgesamt hängt das natürlich vom Thema einer Folge ab, bei manchen muss man sehr viele technische Details recherchieren, das ist dann sehr zeitaufwendig. Im Durchschnitt recherchiere ich pro Folge ein paar Tage.
Jürgen P:
Muss man dafür durch die Lande fahren oder genügt heutzutage das Internet?
Sandra B:
Dafür genügt das Internet. Manchmal muss ich auch mit irgendwelchen Fachleuten telefonieren, das ist sehr spannend, weil man sich auf diese Weise mit sehr unterschiedlichen Themen beschäftigt und so viel „nebenbei“ lernt. Manchmal gehe ich auch in Bibliotheken, aber das ist eher die Ausnahme.
Jürgen P:
Wie lange brauchst Du für eine Folge?
Sandra B:
Pro Arbeitsabschnitt ein bis zwei Wochen. Zuerst schreibt man ja ein Exposé, d.h. eine Kurzabfassung der Geschichte auf drei bis fünf Seiten. Dann folgt das Treatment, d.h. der genaue Ablauf der Geschichte (bereits in Szenen unterteilt) ohne Dialog. Und schließlich die Drehbuchfassung mit dem Dialog. Da aber jedes Treatment und jede Drehbuchfassung mehrfach umgeschrieben wird, bis alles stimmt, arbeite ich insgesamt an einer Folge mehrere Wochen bis Monate. Zwischen jedem Arbeitsabschnitt habe ich immer eine Arbeitspause, in der mein „Werk“ von den Producern bei der OPAL Film und der Redaktion beim ZDF gelesen und beurteilt wird.
Jürgen P:
Wie viele Drehbuchautoren gibt es bei der KüWa?
Sandra B:
Das variiert. Jedes Jahr kommen neue dazu. Es gibt aber ungefähr eine Handvoll feste Autoren, glaube ich
Jürgen P:
Schreiben auch mal mehrere Autoren an einer Folge?
Sandra B:
Sicher. Ich arbeite auch selbst mit Coautoren zusammen.
Jürgen P:
Gibt es da festgelegte Regeln, welcher Autor wofür zuständig ist, oder schreibt jeder, was ihm einfällt?
Sandra B:
Meistens trifft man eine arbeitsteilige Regelung: Der eine schreibt die eine Fassung, der andere die nächste. Oder man einigt sich, dass einer alle Treatments schreibt und der andere alle Drehbuchfassungen. Und natürlich liest man immer gegen, was der andere geschrieben hat.
Jürgen P:
Hast Du auch Einfluss darauf, wie die Schauspieler die Szene umsetzen?
Sandra B:
Nein, das ist Aufgabe des Regisseurs. Ich liefere nur die Vorlage, wie es dann umgesetzt wird, ist nicht mehr meine Sache. Ich bin bisher auch nur einmal am Drehort gewesen, als eine meiner Folgen gedreht wurde.
Jürgen P:
Hast Du einen festen Zeitrahmen, in dem ein Drehbuch geschrieben sein muss?
Sandra B:
Den Zeitrahmen gibt mir die OPAL Film vor. Es wird ja schon im voraus geplant, wann das Buch gedreht werden wird, so dass man weiß, bis wann man insgesamt fertig sein muss. Ansonsten trifft man für jeden Arbeitsabschnitt Absprachen, wann man die nächste Fassung abgeben soll.
Jürgen P:
Arbeitest Du zuhause oder in einem Büro?
Sandra B:
Ich arbeite zuhause. Das kann manchmal sehr einsam sein, aber eigentlich halte ich es für ein Privileg, selbst entscheiden zu können, wann und wie lange ich an einem Tag arbeite. Ich habe aber gewöhnlich einen ebenso strukturierten Tagesablauf, als ob ich im Büro arbeiten würde, denn Disziplin ist sehr wichtig, wenn einem niemand auf die Finger schaut.
Jürgen P:
Wer entscheidet, was genau mit den Charakteren passiert?
Sandra B:
Was die Privatlines der Figuren betrifft, d.h. ihre Entwicklung unabhängig vom jeweiligen Fall, entscheidet das die OPAL Film. Ich kenne ja meistens die anderen Folgen, die gerade geschrieben werden, nur im groben, da haben die Producer einfach die bessere Übersicht. Was den jeweiligen Fall betrifft, erarbeiten wir das oft gemeinsam.
Jürgen P:
Schreibst Du ins Drehbuch mit rein, welche Schauspieler welche Personen spielen?
Sandra B:
Nein, das entscheidet der Regisseur. Mit der Besetzung habe ich überhaupt nichts zu tun.
Jürgen P:
Gibt es da vorher eine Besprechung oder darfst Du das selbst entscheiden?
Sandra B:
Mit der Vorlage des Drehbuches ist meine Arbeit erledigt, mit der Umsetzung sind dann andere beschäftigt.
Jürgen P:
In weit können die Schauspieler ihre eigenen Ideen mit einbauen?
Sandra B:
Es ist schon vorgekommen, dass Schauspieler Vorschläge für ihre eigenen Figuren gemacht haben, vor allem wenn es sich um neu zu etablierende Hauptfiguren handelt. Im allgemeinen werden die Entwicklungen der Figuren aber von Seiten der OPAL Film oder der Autoren vorgegeben.
Jürgen P:
War das Drehbuchschreiben Dein Wunschjob?
Sandra B:
Ich wollte immer schon mit dem Schreiben mein Geld verdienen, weil mir das einfach am meisten Spaß macht. An sich ist das aber sehr schwierig, wenn man nicht gerade Journalist wird, und ich wollte stattdessen schon immer Geschichten erzählen. Da ich außerdem Filme liebe, ist Drehbuchschreiben die ideale Kombination. Deshalb bin ich sehr glücklich mit meiner Arbeit.
Jürgen P:
Wie bist Du zur „Küstenwache“ gekommen?
Sandra B:
Ich habe nach meinem Studium der Filmwissenschaft angefangen, bei der OPAL Film zu arbeiten und dort u.a. zweieinhalb Jahre lang die „Küstenwache“ dramaturgisch betreut. Was mir von Anfang an gefiel, war, dass die Serie auf dem Wasser spielt und spannende Stories erzählt. Als ich mich dann selbständig gemacht habe, hatte ich das Glück, der „Küstenwache“ treu bleiben und als Autorin arbeiten zu können.
Jürgen P:
Hast Du schon einmal die Forumsgeschichten gelesen? Und wenn ja, wie würdest Du sie als Ideengeber beurteilen?
Sandra B:
Ich war sehr beeindruckt von der Phantasie und Energie, die viele Forumsteilnehmer in diese Geschichten gesteckt haben. Es freut mich natürlich, dass die Serie ihre Fans anregt, auch selbst kreativ zu werden. Und manche Stories sind wirklich sehr lebendig und originell.
Ich danke Sandra für dieses tolle Interview und bin mir sicher, dass die Fans nun dadurch einen weiteren Blick „Hinter die Kulissen“ werfen konnten.
Ich wünsche Dir Sandra und auch den anderen Autoren noch viele Ideen für weitere Episoden voller Spannung.
Gruß Jürgen
Oktober 2005

