82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"
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07. September 2010, 18:38:17
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ZDF Küstenwache - Eine Fanpage von Jürgen Plötzner | Fangeschichten - Forumspiele - Gemeinsame Aktivitäten | - Küstenwache - Fangeschichten (Moderator: Tuffi) | Thema: 82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!" 0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema. « vorheriges nächstes »
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Autor Thema: 82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"  (Gelesen 120 mal)
Tuffi
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82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"
« am: 25. Juli 2010, 18:12:44 »

82. „Das ist nicht mein Leben“
Eine Fan Geschichte
basierend auf der ZDF Serie
"Küstenwache"
Idee: Carmen 13

Kapitel 1.
Dunkler Himmel



Die Wolken hatten sich mal wieder über der Ostsee zusammengezogen. Eben noch war heller Sonnenschein gewesen und nun drohte es wieder zu regnen. In den letzten Tagen war das Wetter ziemlich wechselhaft und bei einigen an Bord schien das aufs Gemüt zu schlagen. Sie waren jetzt schon vier Tage auf See, keine besonders aufregende Schicht. Vielleicht war es ja auch das - es passierte einfach nichts. Wolfgang Unterbaur kaute auf seinem Zigarrenstummel herum und brummt immer wieder unverständliches. Norge brachte Kaffee und nahm das motzen von Wolfgang ohne Kommentar hin. Die beiden gingen sich eh seit zwei Tagen scheinbar aus dem Weg.

Holger Ehlers stand hinter dem Rudergänger und sah auf die Ostsee hinaus. "Da kommt was auf! Wetten das es uns gleich heftig um die Ohren bläst!" Meinte er zu Wolfgang. "HM, kann schon sein." Holger sah ihn an. "Man was ist mit dir los? Du bist ja unausstehlich. Hat das was mit dem Anruf von Margitta zu tun gestern?" Wolfgang sah ihn an und in seinen Augen konnte er Ärger entdecken. In diesem Moment kam Saskia Berg auf die Brücke um ihn abzulösen. Er atmete durch. Nickte ihr zu und dann verließ er die Brücke - nicht ohne sie vorher kurz noch einmal auf das Wetter anzusprechen. "Sieht so aus als ob sich da was zusammenbraut." "Ja sieht so aus - wir passen auf. Ich lass schon mal an Deck kontrollieren ob alle festgezogen ist." Holger nickte und dann ging er nach unten in seine Kammer.

Kaum war er alleine als er sein Handy hervorholte und Corinnas Nummer wählte. "Hallo mein Seebär? Na wie ist es?" hörte er die fröhliche Stimme seine Frau. "Bescheiden! Nichts ist los - alle sind gereizt und das Wetter spielt auch verrückt. ich muss endlich mal wieder mit jemandem reden der bessere Laune hat." Corinna lachte leise. Und Holger wurde es warm. "Oh du armer. Soll ich die Flugbereitschaft anrufen und an Bord kommen? Vielleicht diesmal nicht im Weihnachtsmann Kostüm - das würde nicht passen." Jetzt musste Holger schon wieder lachen. So schnell konnte sie ihn zum Lachen bringen. "Na ja die Idee ist nicht schlecht. Aber ich fürchte das Gruber was dagegen hätte. Ich muss mich also gedulden bis Morgen." "Es ist ja nicht mehr lange. Aber - ich vermisse dich auch! Hier ist es auch ruhig - was ja nicht das schlimmste ist." Wieder erklang ihr warmes Lachen.

Auf der Brücke brummte Unterbaur immer noch vor sich hin. "Was ist denn mit ihnen los Unterbaur?" Wollte Saskia Berg wissen. "Ihre Laune ist ja echt das letzte!" „Hmpf...“, machte der Maschinist nur und verschränkte die Arme vor der Brust. „Geht mich ja im Grunde auch nichts an!“

An Deck überprüfte Leonie Stern gerade alles, was lose sein könnte, außerdem hatte sie den Check – Up des Kontrollbootes abgeschlossen. Ein unangenehm kalter Nieselregen plagte sie und so beeilte sie sich, wieder ins Innere des Schiffes zu kommen. Als sie die Brücke betrat, noch in ihrer nassgeregneten Jacke, sah sie sofort, was für eine schlechte Laune Wolfgang hatte. „Alles gesichert, das Kontrollboot ist auch in Ordnung. Nur könnte der Kran mal wieder ein bisschen Schmierfett vertragen. Kannst du dich darum kümmern, Wolfgang?“ „Aber klar, bin ja der Spielball von euch allen.“ „Es war lediglich eine Bitte! Aber wenn der Herr Maschinist sich heute zu fein dazu ist, mache ich das halt selber!“

Leonie wollte gerade wieder nach draußen gehen, als ihr Handy klingelte. Sie wusste schon, bevor sie auf das Display schaute, das es Ben war. „Na, wie geht’s dir?“, fragte er. „Das Wetter ist echt mies, alle haben schlechte Laune und ein Sturm kommt auf uns zu, ansonsten geht es mir blendend.“ „Hast du dir schon angesehen, was ich dir in die Tasche gelegt habe?“ „Nein... Aber ich hab gleich sowieso Ablöse, dann schau ich mir mal an, was du da so schönes rein geschmuggelt hast. Du, ich muss Schluss machen, hab noch was zu erledigen.“ „Ok. Ich vermisse dich.“ „Ich dich auch.“ Als Leonie wieder nach draußen trat, erwartete sie schon kräftiger Wind und geradezu ein Sintflut ergoss sich vom Himmel. „Und am Wochenende haben wir noch am Strand in der Sonne gebraten“, murmelte sie kopfschüttelnd und schlug den Jackenkragen nach oben.

Sie wusste wo das Schmierfett stand und so machte sie sich daran den Kran zu schmieren. Es konnte sein das sie den Kran brauchten und dann war es wichtig das er richtig funktionierte. Sie verstand nicht warum Unterbaur so schlecht gelaunt war.

Wolfgang hatte sich in seine Kammer zurückgezogen. Ihm steckte das Gespräch mit Margitta wirklich noch in den Knochen. Wieder einmal hatte es Ärger mit ihrem Ex Mann gegeben und er hatte sogar am Telefon gespürt das sie nicht nur genervt war. Und er war nicht da um ihr zu helfen. Verdammt - immer wenn sie ihn brauchte war er nicht da. "Warum schmeiße ich nicht alles hin? Was habe ich denn von meiner Familie? Nichts! Ich will mehr Zeit haben für meine Frau und die Mädchen! Und ich will dass uns dieser Mistkerl endlich in Ruhe lässt!" Er hatte nicht bemerkt dass Holger in der Tür der Kammer stand. "Das ist es also! Warum sagst du mir nichts? Ich dachte wir sind Freunde." Wolfgang zuckte zusammen. " „Mist" - Holger ich wollte dich da nicht mit rein ziehen. Das muss ich schon alleine klar bekommen!" "Wozu sind Freunde da? Also quatsch dich aus." Er setzte sich auf die Koje.

Nachdem Leonie den Kran geschmiert hatte kam sie zurück. Sie war durch und durch nass. "Oh man, das nächste Mal macht es aber wieder Wolfgang." Saskia grinste sie an. "Na komm - ich denke er hat Stress mit Margitta. Nach ihrem Anruf ging es los. Lassen wir ihn er wird sich schon wieder berappeln." Sie sah angestrengt nach draußen, die Sicht hatte sich dramatisch verschlechtert. Und dann sah sie etwas auf den Radar. 


Kapitel 2.
Furchtbarer Fund


„Schau mal. Was ist denn das?“ Leonie schaute ihr über die Schulter und meinte:“Sieht aus, als würde es treiben, oder?“ „Mitten in der Fahrrinne!“ „Es müsste eigentlich in Sichtweite sein, oder?“ „Wenn man mal was sehen KÖNNTE!“, meinte Saskia. Obwohl die Scheibenwischer versuchten, die Brückenfenster der „Albatros II“ freizuhalten, war die Sicht sehr schlecht. „Mal sehen, ob sich da jemand meldet“, sagte Leonie und ging hinüber zum Funkgerät. Doch auch nach mehrmaligen eindringlichen Bitten der jungen Bootsfrau, sich zu melden, kam keine Antwort. Saskia dachte kurz nach. Sie musste eine Entscheidung treffen, im Moment hatte sie die Verantwortung. Dann befahl sie:“Kontrollboot klarmachen, sag Norge Bescheid, er soll sich beim Kontrollboot melden. Ich gehe mit ihm rüber.“ Mit einer etwas leidigen Miene lief Leonie los, wohl wissend, dass sie nun erneut hinaus in den Regen musste.

Wolfgang war noch nicht dazu gekommen, Holger alles genauer zu erzählen, denn gerade, als er anfangen wollte, kam die schiffsweite Durchsage, dass ein Einsatz anstand. „Wir reden später weiter, in Ordnung?“, versprach er seinem Freund, der nur kurz nickte. „Dann lass uns mal nachschauen, was für eine Hütte jetzt wieder brennt.“ Zufrieden bemerkte er, dass sich Wolfgangs Miene schon ein bisschen aufgehellt hatte.

Als sie auf die Brücke kamen, war Leonie bereits wieder zurück. „Was liegt an?“ „Ein Boot treibt auf die Fahrrinne zu. Kontaktversuche waren vergeblich, niemand meldet sich.“ „Danke.“ Leonie nickte und schälte sich aus ihrer klatschnassen Jacke. 'Ich glaube, ich sollte mal beantragen, das wir vernünftige Regenjacken bekommen, nicht diese Dinger zum überziehen', dachte Holger grinsend und nahm ein Fernglas, mit dem er sich an die Tür zur Nock stellte, um das Geschehen beobachten zu können.

Vorsichtig, mit den Waffen im Anschlag, betraten Saskia und Norge das Schiff. Weit und breit war niemand zu sehen. Durch die raue See schaukelte es heftig und erschwerte den beiden die Möglichkeit, sich lautlos zu bewegen. Aus der Innenkabine drang ein leichtes Stöhnen. Langsam öffnete Saskia die Tür, während Norge sie absicherte. Am Boden der Kabine lag eine Frau mit einer heftig blutenden Kopfwunde. Saskia winkte Norge herbei und kontrollierte den Raum, während Kai sich um die verletzte Frau kümmerte. "Können Sie sprechen," fragte er. "Mein Mann, Stina ........." stammelte sie. "Kapitän," meldete Saskia. "Wir haben eine verletzte Frau gefunden. Offenbar waren oder sind noch zwei Personen an Bord." "Seid vorsichtig! Wir kommen näher." Wolfgang startete die Maschinen, während Holger seine Mannschaft informierte.

An Bord der Jacht hatte sich Saskia auf die Suche gemacht und war schnell fündig geworden. Im Schlafraum lag ein bewusstloser Mann mit einer Schussverletzung. Doch offensichtlich lebte er noch. Blieb jetzt nur die Frage offen, wo diese Stina war.

„Hallo?“, rief sie vorsichtig und durchsuchte alle Ecken und Nischen. Schließlich entdeckte sie eine zusammengekauerte Gestalt im Kleiderschrank der Kabine. „Hey. Kommst du raus?“ Zaghaft krabbelte das Mädchen hervor, doch kaum sah sie die Frau, die dort am Boden lag, rannte sie den Niedergang hinauf. Saskia lief hinterher und bekam sie am Arm zu fassen. „Ganz ruhig!“ „Lassen sie mich los!“ Sie schien schreckliche Angst zu haben und Saskia setzte alles daran, sie zu beruhigen. „Du bist Stina, oder?“ „Ja.“ „Ich bin Saskia.“

Kai hatte den Mann ebenfalls untersucht und meldete sich nun bei Holger:“Beide haben schwere Verletzungen und müssen sofort ins Krankenhaus.“ „Verstanden. Ich sag in der Einsatzzentrale Bescheid, die sollen uns einen Hubschrauber schicken.“ „Danke. Wir bringen sie erst mal rüber auf die ALBATROS.“ Nachdem der Rettungshubschrauber die beiden Verletzten abtransportiert hatte, machte sich die „Albatros II“ auf den Weg nach Neustadt. Saskia betrat die Brücke und berichtete: „Stina ist völlig verstört, sie hat nicht viel gesagt. Ich denke, da muss ein Psychologe ran.“ „Ich werde den diensthabenden Polizeipsychologen nach unserer Ankunft anrufen“, versprach Leonie. Wolfgang meinte: „Tut mir Leid, das ich so unfreundlich war.... Leonie, das nächste Mal schmier ich dir alles, was du finden kannst!“ „Ist schon ok“, lachte die junge Bootsfrau und Holger klopfte seinem besten Freund auf die Schulter. Es würde noch ein intensives Gespräch unter Freunden auf ihn zukommen, das wusste er.

„Wenigstens hatte der neue Fall Wolfgang aus seinen düsteren Gedanken gerissen," dachte Holger und ging nach unten zu Kai. Der hatte gerade die Kopfwunde der Frau verbunden. "Wie sieht es aus?" "Der Mann ist noch immer ohne Bewusstsein, aber so wie ich es beurteilen kann, ist sein Zustand wenigstens stabil. Die Frau hat eine ziemliche Platzwunde und vielleicht auch einen Schädelbruch. Ich habe ihr ein Medikament verabreicht, um sie ruhig zu stellen. Sie war total hysterisch. Was da wohl passiert ist? Aus dem Mädchen ist kein Wort herauszubringen. Sie steht unter Schock." In der Ferne hörte man den Helikopter. "Gut. Wenn die beiden Schwerverletzten an Bord sind, fahren wir sofort mit dem Mädchen zurück nach Neustadt. Gruber ist schon informiert.

In der Einsatzzentrale war Ben den Computer am füttern. Der Name "Nightmare" war sehr ungewöhnlich und klang düster. "Schon was gefunden Ben?" Ohne dass er es gemerkt hatte, war Corinna zu ihm gekommen. Er schrak zusammen und Corinna lachte. "Bin ich so schrecklich?" Eine feine Röte überzog Bens Gesicht und Corinna dachte zum wiederholten Male, was er doch für ein netter junger Mann war. "Ganz bestimmt nicht. Eher das Gegenteil," grinste Ben sie frech an. "Aber ich bin schon etwas verwundert. Es lässt sich kein Besitzer ermitteln. Wie kann das ein?" Corinna zuckte mit den Schultern. "Vielleicht heißt die Jacht erst seit kurzem so." "Ja. Das wäre möglich. Das ist wieder ein Fall für Unterbaur, der ja mit allen Hafenmeistern auf du und du ist."

Nachdenklich setzte sich Corinna an Holgers Schreibtisch. Sie musste an das Gespräch mit Margitta denken. Der Terror mit ihrem Ex ging weiter. Die neueste Aktion wusste Wolfgang zum Glück noch nicht.

Hermann Gruber hatte gerade Meldung bekommen von dem war auf See geschehen war. Asmus hatte ihm die Nachricht überbracht. "Gut - dann rufen sie den Psychologen an das er sofort kommen soll. Und das Krankenhaus bekommt Meldung von den beiden Schwerverletzen die dorthin gebracht werden. Haben sie schon was zu den Personen ermitteln können? Was ist  mit der Jacht - gehört sie den Personen die an Bord waren?" Sprudelte Gruber seine Fragen nur so raus. "Nein - noch nichts - ich bin noch dabei. Und bis jetzt haben sie an Bord wohl keine Papiere gefunden die uns sagen könnten mit wem wir es da zu tun haben. - Der Heli ist im Anflug um die beiden Verletzten aufzunehmen." "OK - dann setze sie sich dran herauszubekommen wer die Leute sind und was da passiert ist." "Aye Chef!" Ben grinste und verließ das Büro von Gruber.

Saskia kümmerte sich liebevoll um das Mädchen, sie schätze es auf vielleicht 13 Jahre doch das Mädchen war sehr verschüchtert. Und sie konnte kaum ein Wort aus ihr herausbringen. Also versuchte sie es mit einem Trick. "Was hältst du von einem Kakao? Ich mache dir einen in der Kombüse - warte bitte solange hier in meiner Kammer." Das Mädchen sah sie mit großen Augen an und dann nickte es. Einen Moment überlegte Saskia ob sie ihre Kammer verschließen sollte, entschied sich aber dagegen um dem Mädchen nicht Angst zu machen. Hier an Bord war sie ja sicher. Dann ging sie in die Kombüse um den Kakao zu machen.

Wolfgang Unterbaur saß in der Messe mit dem Handy am Ohr und telefonierte alle Hafenmeister durch die er kannte. Bisher hatte er nur Nieten gezogen - mit dem Namen der Jacht konnte keiner der Kollegen was anfangen.

Holger überwachte die Übernahme der beiden Verletzten die an Bord des Helikopters geholt wurden. Nachdem das geschehen war drehte der Heli ab und nahm Kurs auf Neustadt. "Aktion abgeschlossen - Verletzte sind auf dem Weg in die Klinik." Meldete er der Zentrale. Dann drehte er sich zu Leonie Stern herum. "Wo ist Frau Berg?" "Mit der Kleinen unten in ihrer Kammer." Holger nickte und ging nach unten.       



Kapitel 3.
Symbole



Saskia traf mit Holger auf dem Gang zusammen. „Hat sie schon was gesagt?“ „Nein, leider nicht. Aber vielleicht klappt es hiermit“, antwortete sie und hielt die Tasse ein Stück höher. „Sagen sie mir Bescheid, wenn sie mehr wissen.“ „Ok, mach ich.“

Schweigend nippte Stina an ihrem Kakao. „Wie alt bist du denn?“, versuchte Saskia wieder ein Gespräch anzufangen. „14. Aber bald hab ich Geburtstag.“ Doch das war das einzige, was sie für den Moment sagte. Saskia gab sich damit zufrieden. Sie wollte das Mädchen nicht unter Druck setzen. Als Stina sich vorbeugte, um die Tasse abzustellen, rutschte eine Kette mit einem seltsamen Anhänger aus dem Ausschnitt ihres T-Shirts. „Eine schöne Halskette. Was ist das für ein Symbol?“ Sie sah sie etwas ängstlich an und sagte knapp:“Eine 'Helme der Furcht'. Meine Mutter trägt auch so eins.“ Saskia dachte einen Moment nach. Sie hatte bei der Frau gar keinen Schmuck gesehen. Sie beschloss, der Sache später auf den Grund zu gehen.

Wolfgang hatte immer noch kein Glück. Nur noch zwei Yachthäfen blieben übrig. Der erste, Schleswig, war ein Reinfall. „Wenn’s jetzt nicht klappt, muss ich Dänemark ausprobieren... Oder weiter weg segeln“, brummte er. „Das würde bedeuten, dass du mehr Urlaub haben müsstest“, meinte Holger grinsend und setzte sich neben seinen Freund. „Wer bleibt denn noch?“ „Burgstaaken.“ Nach einigen Minuten am Telefon legte er auf, sichtlich zufrieden. „Hauptpreis! Der Hafenmeister hat gesehen, wie sie ihre Jacht umgetauft haben. Er weiß zwar nicht, wer sie sind, aber er hat sich den vorherigen Namen der Yacht gemerkt. Ich sag Asmus, nach welcher er suchen muss.“

   
Gruber war dienstlich unterwegs und Ben gönnte sich gerade eine Verschnaufpause, als Wolfgang anrief. "Die Jacht hat in Burgstaaken gelegen," erklärte er Ben. "Der frühere Name war "Stina". Melde dich, sobald du etwas herausgefunden hast." "O.K." Missmutig legte Ben den Hörer auf. Es waren einem wirklich noch keine fünf Minuten Entspannung gegönnt.

Margitta hatte noch einige Besorgungen in Neustadt gemacht. Bei dieser Gelegenheit stöberte sie oft in der Buchhandlung am Marktplatz. Sie las leidenschaftlich gerne und brauchte dringend Nachschub. Etwas unschlüssig blickte sie durch die Auslagen. Schließlich entschied sie sich für einen Romantikthriller, der auf Fischland spielte. Sie konnte jetzt schon das Gefoppe von Wolfgang hören. Bei dem Gedanken an ihren Mann wurde ihr warm ums Herz. Wenn er bloß nicht so oft weg wäre. Gerade im Moment brauchte sie ihn mehr denn je. Gestern Abend hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Obwohl sie gerne noch weiter spazieren gegangen wäre, war sie auf dem schnellsten Wege nach Hause. Sie hatte spät noch mit Corinna telefoniert und ihr alles erzählt. Wolfgang wollte sie nicht mit ihren Ängsten behelligen. Er konnte ihr im Moment ohnehin nicht helfen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie noch eine gute Stunde Zeit hatte, bevor die Mädchen kamen. Ihr Auto stand am Binnenwasser und dort wollte sie noch eine Weile bleiben. Sie liebte diese Ecke von Neustadt.

Es herrschte reges Treiben. Margitta setzte sich auf eine Bank und fing an zu lesen. Plötzlich legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Erschrocken fuhr sie auf. Doch es war Jan Kamp, der seine Kinder im Kinderladen abgeholt hatte. "Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht erschrecken," sagte Jan zerknirscht. "Macht nichts. Ich war nur sehr vertieft in meine neue Lektüre." Skeptisch blickte Jan sie an. Margitta war noch immer kreidebleich. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. "Ich muss jetzt los Jan," verabschiedete sie sich und ging schnell zum Parkplatz. Jan entschloss sich, Julia zu fragen. Vielleicht wusste sie mehr.

Im Auto atmete Margitta tief durch. Sie hatte sich wie eine Idiotin benommen. Was würde Jan von ihr denken. Also soweit hatte ihr Ex sie schon gebracht, dass sie auf die kleinsten Dinge neurotisch reagierte. Sie startete den Wagen und fuhr los. Nichtsahnend, dass sie nur wenige Meter entfernt aus einem Leihwagen beobachtet wurde.

Saskia dachte noch immer über die Kette nach die das Mädchen trug. Ihr sagte der Begriff nichts und sie rief Ben in der Zentrale an und bat ihn etwas darüber herauszufinden. Aber was sie am meisten stutzen ließ war das Stina gesagt hatte das ihre Mutter die gleiche Kette tragen würde. Sie hatte sie bei der Frau nicht gesehen. Hatte sie die Kette vielleicht an Bord des Seglers verloren - oder war sie ihre gestohlen worden bei dem was passiert war? Aber was war eigentlich passiert? Sie hatten bisher noch keinen blassen Schimmer.

"Worüber denken sie nach Frau Berg?" Wolfgang Unterbaur war fast mit ihr zusammengestoßen als sie aus der Tür kam. "Was? - Oh Entschuldigen ich war vollkommen in Gedanken. Dieses Mädchen ist komisch - nein die ganze Situation ist komisch. Was ist da an Bord geschehen?" "Gute Frage Frau Berg. Man könnte meinen das sie überfallen wurden, aber wo sind die Angreifer geblieben? Was haben sie gewollt? Und haben sie bekommen was sie gewollt haben?" Saskia nickte. "Ich würde gerne nochmal rüber auf das Boot um mich dort umzusehen." Unterbaur sah sie erstaunt an. "Das geht erst wenn wir wieder in Neustadt sind. Was wollen sie denn suchen?" "Eine Kette - die Kleine meint das ihre Mutter die gleiche Ketten tragen würde wie sie selber aber ich habe keine gesehen." "Na ja das muss dann wohl warten bis wir wieder im Hafen sind - und wenn sie da ist wird die SPUSI sie auch finden." Saskia nickte. "Ja wahrscheinlich haben sie recht."

Ben saß an seinem Laptop und war dabei die diversen Aufträge zu erledigen die er von allen Seiten bekommen hatte. 

   
Wenige Minuten später ging Ben zu Gruber. „Was gibt es Asmus?“ „Ich  habe eine seltsame Entdeckung gemacht.“ Mit großen Augen blickte Ben seinen Chef an. „Und? Wollen sie mich an ihrem Wissen teilhaben lassen,“ fragte Gruber abwartend. „Die Jacht „Stina“ gehört einem Architektenehepaar aus Duisburg. Martin und Sybille Glade. Er ist 48 Jahre und die Frau 45 Jahre alt.“ Ben schwieg. „Lieber Herr Asmus, was ist daran so geheimnisvoll?“ Langsam wurde Gruber ungehalten. „Es gibt keinerlei Hinweise auf die Tochter. Sie ist nicht im Familienbuch eingetragen.“ „Das muss nichts heißen. So was kann mal vergessen werden. Informieren sie Ehlers über den neuesten Stand!“ Ben nickte und verließ den Raum. Gruber stand auf und ging zum Aquarium. Asmus hatte recht. Seltsam war es schon.

Stina war eingeschlafen. Nachdenklich betrachtete Saskia das junge Mädchen. Dann dachte sie an die Eltern. Der Vater hatte schütteres blondes Haar und für einen Mann einen eher asketischen Körperbau. Die Frau war ebenfalls blond, klein und zierlich. Stina hingegen war mindestens 1.75 m groß. Sie hatte eine sportliche Figur, braunes Haar und braune Augen. Saskia hatte noch nie ein Kind gesehen, das so wenig den Eltern ähnlich sah. „Stimmt was nicht?“ Fragte Leonie, die unbemerkt zu Saskia getreten war. „Stina sieht ihren Eltern so gar nicht ähnlich.“ Leonie zuckte mit den Schultern. „Na und? Das kommt öfters vor. Mein Vater sagt immer, ich sei das Ebenbild meiner Großmutter. Vielleicht ist das bei Stina genauso. Du sollst übrigens zum Kapitän kommen.“ Saskia ging mit Leonie hoch. Doch ihre Gedanken blieben bei Stina.

   
Holger stand auf der Brücke und sah nachdenklich hinaus auf die Ostsee. Irgendwie hatte er ein komisches Gefühl bei dieser Sache. Was genau es war konnte er nicht sagen - es war eben ein Bauchgefühl. Es gab keine Hinweise was an Bord der Jacht geschehen war. Es war zwar eine Fahndung heraus - aber nach wem oder was sie suchten wussten sie nicht. Warum war die Jacht überfallen worden? War es überhaupt ein Überall gewesen? Aber wenn nicht - was war es dann?

Er wurde in seine Gedanken unterbrochen als Saskia Berg auf die Brücke kam. "Und wie sieht es aus? Haben sie aus dem Mädchen herausbekommen?" Saskia schüttelte mit dem Kopf. "Nein - so gut wie nichts. Sie hat nur eine Kette mit einem seltsamen Anhänger und sie behauptet ihre Mutter trage den gleichen. Ich habe aber bei der Frau nichts gesehen. Ich habe Asmus gebeten mal zu recherchieren. mal sehen ob er was hat für uns wenn wir zurück sind in Neustadt." Holger Ehlers nickte. "Hm, sieht alles sehr komisch aus. Wir werden in etwa 30 Minuten wieder im BPOL Hafen anlegen. Mal sehen ob es dann Neuigkeiten gibt - auch aus dem Krankenhaus. Noch habe ich nichts gehört. Schauen sie ob sie noch was bei dem Mädchen erreichen können. Sobald wir in Neustadt sind wird sich dann der Psychologe um sie kümmern." "Ja mach ich! Irgendwie gleicht sie den Eltern überhaupt nicht. Ist doch seltsam - oder?" "Na ja - soll schon mal vorkommen. Und es könnte ja auch sein das sie Adoptiert ist."  Saskia sah ihn an. "Daran habe ich noch gar nicht gedacht. ja das wäre eine Erklärung. Ist dann nur die Frage ob sie es weiß - ich werde sie vorerst mal nicht darauf ansprechen." "Ja ich glaube das wäre besser. Wir wollen dem Psychologen nicht vorgreifen."

Während Saskia Berg auf der Brücke war war Stina aufgewacht. Sie sah sich einen Moment um und wusste nicht wo sie war. Aufrecht saß sie in der Koje - sie spürte wie ihr Herz schneller schlug. Sie schwang vorsichtig ihre Beine auf den Boden.     

   
Ben ließ es einfach keine Ruhe, das es keine direkten Informationen über das Mädchen gab und so beschloss er, seine ältere Schwester anzurufen, die im Jugendamt angestellt war. Vielleicht konnte sie ihm etwas auf die Sprünge helfen. Während des Rufaufbaus recherchierte er noch einige andere Dinge. „Jugendamt Lübeck, Luisa Asmus am Apparat, was kann ich für sie tun?“ „Hallo Schwesterherz! Du kannst was Wichtiges für mich tun!“ „Ben? Wie kann ich dir denn helfen?“ „Ihr habt doch sicher irgendeine zentrale Datenbank, wo alle Informationen gespeichert sind, oder?“ „Ja... Was gibt es denn?“ „Kannst du herausfinden, ob Martin und Sybille Glade aus Duisburg vor ungefähr 15 Jahren ein Kind adoptiert haben?“ „Ich werde es versuchen, aber ich kann für nichts garantieren. Ich rufe zurück, wenn ich etwas gefunden habe, ok? Ach, und Ben: Kommt doch mal wieder vorbei. Der Kleine will seinen Onkel mal wieder sehen.“ „Danke... Drück ihn von mir. Mal sehen, wann wir Zeit haben. Tschüss.“ „Ja, ok. Bis später.“
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Re: 82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"
« Antworten #1 am: 25. Juli 2010, 18:14:08 »

Kapitel 4.
Beobachtet



Als Margitta nach Hause kam, saßen Elin, Till, Diana und Fiona, alle mit Deutschlandschminke auf den Wangen, zusammen am Küchentisch und sahen aus, als wäre jemand gestorben. „Was ist denn mit euch los?“ Elin hob den Blick und murmelte:“ Verloren.“ Fiona ergänzte niedergeschlagen:“Ein Trauerspiel.“ „Blamage“, brummte Till und Diana beendete die Erklärung:“Und Klose hat ne rote Karte bekommen. Das ist das schlechteste Spiel gewesen, das ich je gesehen habe. Wenigstens hat Elins Kuchen geschmeckt.“ Margitta lächelte und setzte sich zu ihnen. „Davon geht doch die Welt nicht unter. Kommt, ich mach uns jetzt erst mal etwas zu essen, in Ordnung?“ Die Vier nickten nur und schauten dann wieder enttäuscht ins Leere. Nur durch Zufall blickte Margitta aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite parkte ein Wagen und sie hatte irgendwie das Gefühl, ihn schon mal gesehen zu haben.

Fiona, die sehr feinfühlig auf alles reagierte, stellte sich neben ihre Mutter. "Was ist denn," fragte sie mit besorgter Miene. Erst zögerte Margitta, aber dann antwortete sie: "Ich glaube, der silberne Ford dahinten verfolgt mich. Ich habe ihn heute schon mal gesehen. Ich glaube, dass war am Parkplatz beim Binnenwasser." In der Küche war es mucksmäuschenstill. Dann fragte Elin: "Mama, wer verfolgt dich? Doch nicht etwa Papa?" Ihre Kinder hatten ein Recht auf die Wahrheit. Margitta nickte: "Doch, ich denke er ist es."

Kaum eine Stunde später meldete sich Luisa Asmus bei ihrem Bruder. "Tut mir leid Ben, aber ich habe keinerlei Hinweise auf eine Adoption gefunden." "Es gibt doch auch illegale Adoptionen," fragte Ben. "Das schon. Aber das sind keine Kinder aus Deutschland, sondern aus Entwicklungsländer oder Osteuropa." Enttäuscht verabschiedete Ben sich. Wieso ließen sich keine Hinweise auf Stina Glade finden?

Stina saß auf der Liege und ließ die Beine baumeln. Noch immer hatte sie leichte Schwindelgefühle. Das schlimmste aber war, dass sie sich nicht richtig erinnern konnte, was überhaupt passiert war. Sie hatte die Frau bewusstlos am Boden gefunden. Von dem Mann fehlte jede Spur. Jetzt war die ideale Gelegenheit. Sie hatte versucht, das Beiboot zu lösen. Es war sehr stürmisch, aber sie musste diese Chance nutzen. Dann hatte sie einen heftigen Schlag verspürt und alles wurde dunkel.


Ben sah ziemlich hilflos aus und das fiel Corinna sofort auf als sie in die Zentrale kam. "Was ist denn mit ihnen Ben? Sieht so aus als ob es ihnen die Laune verdorben hätte." Ben sah sie an. Irgendwie hatte diese Frau immer das richtige Gespür. "Hm stimmt schon - ich bin ratlos!" Corinna lächelte ihn an und setzte sich auf die Schreibtischkante. "Na dann mal raus damit!" Meinte sie leicht hin. Ben grinste und dann erzählte er ihr von dem Anruf von Saskia Berg und dem was sie ihm gesagt hatte. Und auch davon was er eben von seiner Schwester erfahren hatte. Corinnas Gesicht wurde ernster. "Saskia meinte das das Mädchen den Eltern nicht ähnlich sieht - aber sie ist nicht adoptiert." "Ja genau - zumindest nicht legal." Corinna nickte. "Und sonst noch was?" "Na ja sie trägt eine Kette - Saskia sagte sie das ihre Mutter die gleiche Kette tragen würde. Aber sie konnten sie nicht bei der Frau finden." Er zeigte Corinna das Handyfoto das sie von dem Anhänger gemacht hatte und ihm geschickt hatte. "Oh - ich habe solch einen Anhänger schon mal gesehen - ich glaube es ist ein Keltisches Schutzsymbol. Aber viel mehr weiß ich auch nicht." Ben sah sie an. "Ups - ich hätte sie gleich fragen sollen. Das ist ein guter Hinweis - ich werde mal sehen ob ich was finden kann dazu."

Langsam fuhr die ALBATROS II in den BPOL Hafen von Neustadt ein. Nachdem sie vertäut worden war und auch die Jacht am Pier festgemacht war standen schon die Kollegen von der SPUSI bereit um sich auf dem Boot umzusehen. Holger war hinunter gegangen zur Kammer von Saskia Berg. Die kam gerade mit Stina heraus. Er lächelte das Mädchen an. "Na wie geht es dir?" fragte er mitfühlend. Stina sah ihn vorsichtig an. So als wollte sie sich vergewissern das man ihm trauen konnte. Dann meinte sie sehr leise. "Es geht schon - ich habe noch ein bisschen Kopfschmerzen und Schwindel." Holger sah Saskia an. "Ich denke es ist besser wenn sie mit der kleinen ins Krankenhaus fahren und sie gründlich untersuchen lassen. Bleiben sie bei ihr. Ich werde dem Psychologen Bescheid geben." "Ja gut! Komm Stina - wir fahren mit dem Streifenwagen!" Stina nickte nur ohne ein weiteres Wort zu sagen. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Elin, die immer noch eine riesige Wut auf ihren Vater hatte, stand auf und schrie, während sie rauslief:“Dem werde ich etwas erzählen!“ „Elin! Nein, warte!“, rief Margitta, doch das junge Mädchen war schon fast aus dem Haus gerannt. „Ich versuche sie aufzuhalten!“, sagte Till und hechtete hinterher. Elin war inzwischen schon fast an der Straße angelangt.

Ben suchte nach Informationen über den Anhänger, den Stina um den Hals trug, als die ALBATROS – Crew, ausgenommen von Saskia, den Lageraum betrat. „Na? Was gefunden?“, fragte Leonie und gab ihm einen zärtlichen Kuss. „Ja. Die Helme der Furcht ist tatsächlich ein keltisches Schutzsymbol, es soll seinen Träger vor allen Gefahren beschützen.“ „Dann wäre das ja schon mal geklärt. Vielleicht findet die Spurensicherung ja doch das Amulett der Frau“, meinte Holger und setzte sich an seinen Schreibtisch. „Ich habe außerdem meine Kontakte zum Jugendamt ausgenutzt. Es gibt keine Informationen darüber, dass das Ehepaar Glade eine Tochter bekommen oder adoptiert hat. Die Yacht ist auf Herrn Glade zugelassen. Keine Ahnung, warum die beiden sie umbenannt haben.“

Saskia blieb während der Untersuchung bei Stina, denn diese klammerte sich an ihren Arm und ließ sich nicht dazu überreden, sie wieder los zulassen. Als der Arzt die Ergebnisse ausgewertet hatte, sagte er zu Saskia:“Sie hat eine Gehirnerschütterung und eine kleine Verletzung am Hinterkopf, wahrscheinlich rührt sie von einem Schlag her. Sie können sie mitnehmen, aber keine großen Anstrengungen und sollten die Schwindelanfälle schlimmer werden, bringen sie sie sofort zu einem Arzt oder zurück ins Krankenhaus, in Ordnung?“ „Gut. Vielen Dank.“ Als sie das Krankenhaus verlassen hatten und sich auf den Weg zum Auto machten, lockerte sich Stina´s Griff ein kleines bisschen. Saskia legte ihr beruhigend den Arm um die Schulter und in diesem Moment schwor sie sich, heraus zu finden, was mit Stina passiert war.

Er sah das junge Mädchen auf sich zu rennen und startete schnell den Wagen. Zum Glück war in der kleinen Straße kaum Verkehr, so dass er schnell auf die Hauptstraße abbiegen konnte.

Till hatte Elin endlich erreicht und hielt sie am Arm fest. Auch Margitta war mittlerweile mitten auf der Straße. Sie glaube, vor innerer Wut zu zerbersten. Die erlebte nochmal eine Steigerung, als Elin in Tränen ausbrach. Till stand hilflos neben dem Mädchen. Margitta nahm ihre Tochter in die Arme. "Komm! Vielleicht war es ja gar nicht dein Vater." Elins Augen funkelten wie grünes Gift und die Tränen versiegten so schnell, wie sie gekommen waren. "Er war es. Ich hasse ihn. Warum kann Wolfgang nicht mein richtiger Vater sein." Sie riss sich los und rannte ins Haus, vorbei an ihren verdutzt blickenden Schwestern.

Holger merkte, dass Wolfgang nicht mit seinen Gedanken bei der Arbeit war. "Willst du mal kurz nach Hause fahren," fragte er seinen Freund. "Vielleicht bist du dann konzentrierter. "Nein! Das bringt nichts. Aber danke für das Angebot." Holger ließ es nicht dabei beruhen und ging zu Gruber. "Gibt es was Neues?" "Nein. Ich habe eine Bitte. Könnte Unterbaur heute etwas früher nach Hause. Margitta hat wieder Probleme mit ihrem Ex-Mann. Wolfgang macht sich Sorgen." "Ist dieser Typ denn in Neustadt? Ich dachte, er wohnt in Hannover." "Tut er auch. Offenbar schleicht er aber seit einigen Tagen in Pelzerhaken herum." "Na ja. Von mir aus. Es sind ja heute genug Leute da." "Danke."

Als Holger zu Wolfgang kam, sah er, dass etwas geschehen war. "Langsam reicht es. Elin hat gerade angerufen. So wie es aussieht, ist ihr Vater wieder Margitta heimlich gefolgt." "Ich habe mit Gruber geredet. Du kannst nach Hause. Vielleicht solltet ihr eine einstweilige Verfügung gegen ihn erlangen." "Das habe ich auch schon vorgeschlagen. Margitta will es wegen der Kinder nicht." Schnell verließ Wolfgang die Einsatzzentrale.

Saskia und Stina fuhren langsam durch den Ort wieder in Richtung zur Zentrale der Küstenwache. Stina war sehr ruhig geworden. Saskia sah sie besorgt an - wäre es nicht doch besser wenn sie zumindest für einen Tag zur Beobachtung in der Klinik bleiben würde? Sie wusste aus eigener Erfahrung dass mit einer Gehirnerschütterung nicht zu spaßen war.

Stina merkte wie sie wieder dieses Schwindelgefühl bekam und es wurde ihr schlecht. Saskia sah wie das Mädchen von Sekunde zu Sekunde bleicher wurde und sie hielt schnell, sie hatten das Gelände der Klinik noch nicht verlassen. "Ist dir schlecht?" Stina konnte nur nicken. Dann riss sie die Beifahrertür auf und stolperte hinaus um sich zu übergeben. Saskia lenkte den Dienstwagen in die nächste Parklücke und lief dann zu ihre. "Komm - ich glaube es ist besser wenn du in der Klinik bleibst. Die Ärzte sollen dich nochmal genau ansehen. Und dann kannst du dich ausruhen - und bist auch näher bei deinen Eltern!" In diesem Moment fuhr Stina herum und in ihren Augen lag ein gefährliches blitzen! Saskia zuckte unter dem Blick zusammen. Warum reagierte sie so auf die Erwähnung ihrer Eltern? Ein erneuter Brechanfall ließ es nicht zu sie zu befragen. Es ging ihr wirklich schlecht. Und so nahm Saskia sie und brachte sie zurück in die Klinik.

Inzwischen war die Spurensicherung auf dem Boot und kehrte das unterste zu oberst. Norge hatte es sich nicht nehmen lassen dabei zu sein. Er spielte eben zu gerne Detektiv. Und als erstes machte er sich auf die Suche nach der Kette. Doch weder er noch die Kollegen konnten etwas in der Art finden. Und überhaupt - es fiel ihm auf das es an Bord der Jacht nur wenige persönliche Dinge gab. Es sah aus als wäre es eine gemietete Jacht und nicht die eigene. Kein Bild der Familie - keine privaten Sachen von Stina außer eine paar Kleidern. Was bedeutete das?

Ben und Leonie waren in der Pause in die Kantine gegangen und sprachen ein wenig über den Fall. „Wieso ist es fast so, als würde Stina nicht existieren, was glaubst du?“, fragte Leonie zum gefühlten tausendsten Mal. „Ich weiß es doch auch nicht“, murmelte Ben nur. „Was ist denn los mit dir? Bist du so mies gelaunt, weil wir nicht wirklich weiterkommen?“ „Nein.... Du hast den Umschlag noch nicht aufgemacht, oder?“ Leonie sah ihn verwundert an und antwortete:“Nein. Ist es denn wichtig?“ Ben zuckte nur mit den Schultern, worauf Leonie den versiegelten Briefumschlag aus der Hosentasche zog. Sie öffnete ihn und als sie das Blatt durchgelesen hatte, stand sie zitternd auf. „Ich... ich brauche frische Luft“, stotterte sie und verließ die Kantine.

Kai suchte inzwischen an Deck nach der Kette, die Stina´s Mutter tragen sollte. „Hast du schon was gefunden?“ Er drehte sich um und sah Leonie, die auf wackligen Beinen über die Reling kletterte. „Wird gerade alles ausgewertet. Aber den Anhänger habe ich noch nicht gefunden. Ist alles in Ordnung mit dir?“ „Ja... ich meine nein... Ich weiß es nicht.“ Sie reichte ihm den Brief von Ben und setzte sich auf die Sitzbank in der Ecke. Kai ließ sich neben ihr nieder und sagte, als er es fertig gelesen hatte:“Er will dich bestimmt nicht unter Druck setzen oder drängen.“

Saskia wartete vor dem Untersuchungszimmer. Sie machte sich große Sorgen um Stina, die ihr auf unerklärliche Weise in kürzester Zeit ans Herz gewachsen war. Holger hatte gerade mit dem behandelnden Arzt der Glade telefoniert. „Sie sind leider noch nicht ansprechbar, aber über den Berg“, erklärte er Wolfgang und Corinna. „Also heißt das, das wir noch länger im Dunkeln tappen, oder?“, brummte der Maschinist.

Dr. Berger, der behandelnde Arzt von Stina, bat Saskia zu einem Gespräch. „Wir werden das Mädchen für die nächsten drei Tage zur Beobachtung hier lassen und auch eine Psychologin mit einbeziehen. Das Verhalten des Mädchens ist sonderbar. Als ich ihr mitgeteilt habe, dass es ihren Eltern langsam wieder besser geht, hat sie mich wütend angefunkelt. Dann hat sie mir den Rücken zugekehrt und gesagt: „Woher wollen sie das wissen? Sie kennen sie doch gar nicht.“  „Haben sie eine Ahnung, was das zu bedeuten hat?“ „Nein. Aber bei mir hat sie auch schon so seltsam reagiert.“ „Wir konnten an ihrem Körper keine weiteren Verletzungen oder ältere Hämatome feststellen. Doch Gewalt in einer Familie muss sich nur körperlich sein.“ Nachdenklich fuhr Saskia zurück zur Einsatzzentrale. Was für ein Geheimnis umgab diese Familie?


Elin lag in ihrem Zimmer auf dem Bett und weinte bitterlich. Margitta wusste, dass es besser war, Elin allein zu lassen. Wolfgang war zu Hause gewesen und hatte versucht, mit ihr zu reden. Aber auch das war ohne Erfolg gewesen. Sie hatte sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert und ließ niemanden herein. Wolfgang hatte sie wieder gebeten, eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Doch das war las letzte Mittel. Margitta wusste, wie sehr die Mädchen an ihrem Vater hingen und sie hoffte immer noch, dass er wieder zur Vernunft kam. Sichtlich verärgert war Wolfgang zurück zur Einsatzzentrale gefahren. Was sollte sie bloß tun?


Kapitel 5.
Was wissen wir?



Corinna war zusammen mit Holger in der Zentrale als Saskia zurück kam. Allen war das seltsame Verhalten von Stina rätselhaft. Keiner konnte sich erklären was in dem Mädchen vorging. Es war dann Corinna die an die Glaswand ging an der die Fotos der Familie und der Jacht hingen und alles was sie bereits ermittelt hatten. Sie nahm sich einen Stift und begann aufzulisten.

„Also Stina hat mit keinem Wort nach ihren Eltern gefragt –
 sie sieht vollkommen anderes aus als die Eltern –
auf der Jacht gibt es keine Familienfotos –
kaum persönliche Sachen –
die Kette von der sie behauptet dass ihre Mutter sie auch trägt ist nirgends zu finden –
und nun sagt sie auch noch dem Arzt dass er ihre Eltern doch gar nicht kennt!
Und dann noch das umtaufen der Jacht!
Und Ben konnte keine Hinweise darauf finden das die Eltern ein Kind Adoptiert haben.“

Sie stand vor der Wand und sah sich an was sie geschrieben hatte. „Langsam frage ich mich – wer ist Stina wirklich? Warum schweigt sie?“ Holger war zu ihr getreten. Auch er sah nachdenklich auf die Tafel. „Was wissen wir überhaupt von dieser Familie?“  Corinna nahm wieder den Stift in die Hand und ergänzte das was sie wussten bisher.

Martin und Sybille Glade –
er 48 sie 45 –
wohnhaft in Duisburg –
beide Architekten –
beide nicht Vorbestraft.

Sie sah sich um. „Wo ist Ben? Er muss beim Hafenmeister nachfragen ob die Glades dort auf Fehmarn einen festen Liegeplatz hatten oder ob sie nur kurz da waren. Vielleicht weiß er ja auch woher sie gekommen sind. Und er soll beim zuständigen Wasser und Schifffahrtsamt nachfragen ob sie die Namensänderung eingetragen haben. Und dann müssen wir Kontakt zu den Kollegen in Duisburg aufnehmen – vielleicht wissen die ja mehr über die Familie.“ Holger musste lächeln – seine Frau war wieder voll in ihrem Element – aber sie hatte ja Recht. So kamen sie nicht weiter. 

Leonie war aufgestanden und sah sich gemeinsam mit Kai das Deck an. „Kai, schau mal! Sieht aus, als wären das Kratzer und Lackspuren von einem anderen Boot.“ „Du hast recht! Komm, wir nehmen mal ein paar Proben. Hol mir mal Wattestäbchen und so aus dem Koffer.“ „Ok.“ Kai beugte sich über die Reling und fragte dabei:“Was willst du Ben jetzt sagen?“ „Ich weiß es nicht. Ich meine, ich freue mich ja, dass er die Initiative ergriffen hat, aber diese Termine.... Die sind schon so bald!“ Kai gab einem Beamten die Proben für die KTU und antwortete dann:“Naja.... Ende Juli und Mitte August sind doch noch ein bisschen hin! Vielleicht solltet ihr einfach darüber sprechen – sag ihm doch, was du denkst und ihr kommt sicher zu einer Lösung!“ „Ja... Wahrscheinlich hast du Recht. Danke.“

Stina lag in ihrem Bett und starrte vor sich hin. Sie hatte Angst, langsam kam ihre Erinnerung zurück. Zitternd stand sie auf und zog sich an, dann stopfte sie ein paar Kissen unter die Decke, damit es so aussah, als würde sie schlafen. Sie ging zum Fenster und schaute hinaus. Es waren vielleicht 1 ½  Meter bis zum Boden. Sie öffnete es, kletterte auf die Fensterbank und sprang hinaus. Die Landung war etwas härter, als sie gedacht hatte, ein Knacken war zu hören und ein höllischer Schmerz ging durch ihren Knöchel, doch das kümmerte sie kaum. Sie wusste nicht, wohin sie lief, aber sie wollte nur noch weg von diesem Ort. Auf dem Nachttisch hatte sie einen Zettel hinterlassen und sie hoffte, dass Saskia ihn lesen würde.

Nach kurzer Zeit musste Stina sich eingestehen, dass es vollkommener Unsinn war, wenn sie weiter planlos durch die Gegend humpelte. Doch wohin! Mit den 20 Euro in ihrem Portemonnaie kam sie nicht weit. Schon gar nicht in die Stadt, wo ihr zu Hause war. Ganz schwach in ihrer Erinnerung war das Bild eines kleinen Hafens mit bunten Häusern. Sie sah einen Park voller Krokusse, in denen ein kleines Mädchen spielte. Auf einer Bank saß lachend eine junge Frau, die weit ihre Arme ausbreitete, um sie aufzufangen.

Stina war auf dem Küstenpfad, der unterhalb der Klinik nach Pelzerhaken führte. Der Schmerz in ihrem Knöchel wurde immer heftiger. Endlich sah sie eine Sitzgelegenheit. Sie lockerte den Schnürsenkel ihres linken Turnschuhes. Der Knöchel war dick verschwollen. Stina atmete tief durch. Es war schon seltsam, aber durch den Schlag auf ihren Kopf waren Erinnerungen hervorgekommen, die lange im Dunkel lagen. Langsam setzte sich jedes Teil wie ein Puzzle zusammen. Sie musste sich jemand anvertrauen und sie wusste auch schon wem. Die nette Polizistin mit den dunklen Augen erinnerte sie ein bisschen an ihre Mutter. Ihr würde sie die Wahrheit sagen. Ein Hinweis lag schon auf ihrem Nachttischschränkchen.

Gruber kam wie der Blitz aus seinem Büro geschossen. Erstaunt blickten die Kollegen ihn an. „Das Krankenhaus hat angerufen. Stina Glade ist verschwunden. So wie es aussieht, ist sie aus dem Fenster gesprungen. Asmus, geben sie eine Fahndung heraus und sie Frau Berg, fahren sofort zum Krankenhaus! Das Mädchen hat ihnen eine Nachricht geschrieben.“

Während sich Saskia sofort auf den Weg zum Krankenhaus machte sahen sich die anderen noch betroffen an. Was war nur mit diesem Mädchen los. Unterdessen hatte Norge die Proben die er von dem Boot genommen hatte zur KTU gebracht und sie gebeten sie zu untersuchen. Leonie war noch immer unentschlossen was sie Ben sagen sollte. Und so hielt sie sich zurück. Ihr war nich ganz wohl bei der Sache. Bekam sie jetzt kalte Füße? Verdammt – sie war sich doch sicher gewesen, was war nur mit ihr los?

Als Norge die Zentrale betrat sah er sofort was Corinna Ehlers auf die Tafel geschrieben hatte. Er blieb davor stehen und las es sich durch. Sehr nachdenklich ging er dann zu seinem Platz. Dann sah er den Kapitän an. „Was ist wenn sie tatsächlich nicht die Tochter der beiden ist?“ Holger sah ihn erstaunt an. „Aber warum sagt sie es dann nicht – sie hätte doch jetzt die Möglichkeit.“ „Hm ich weiß auch nicht. Aber es gäbe ja eine Chance das herauszubekommen – mit einem Gentest. Die Eltern sind da und wir könnten den Test machen.“ „Oh – Norge so einfach ist es ja nun nicht. Dazu würden wir die Genehmigung eines Richters brauchen. Und wir haben kaum was um den dazu zu bringen das wir die Einwilligung bekommen.“ Norge grinste ihn an. „Ja stimmt – aber im Krankenhaus haben sie doch Blutproben von allen dreien genommen und man könnte doch zumindest die vergleichen. Dann sieht man schon mehr! Und wenn es da einen Anhaltspunkt gibt dann bekommen wir die Genehmigung vielleicht.“  Holger stutzte einen Moment dann musste er lachen. „Norge – sie sind wirklich ein Detektiv! Rufen sie in der Klinik an und erklären sie es denen. Und sollte es da wirklich einen Hinweis geben dann werden wir versuchen die Genehmigung zu bekommen.“ Norge sprang sofort auf und griff zum Telefon.

Ben saß an seinem Platz. Seit Leonie wieder zurückgekommen war hatten die beiden noch kein Wort gewechselt und er vermied es auch sie anzusehen. Man konnte ihm ansehen dass es ihm nicht gut ging.

 Stina humpelte am Strand entlang. Sie wusste nicht, wohin sie lief, aber sie wollte nur weg. Der Knöchel war immer mehr angeschwollen und die Schmerzen waren unerträglich. Sie ließ sich auf eine Bank fallen und verschnaufte ein paar Minuten.

Kai hatte in der Klinik angerufen und teilte nun seinen Kollegen mit, was er erreicht hatte:“Die schauen sich die Proben an, in einer Stunde haben wir voraussichtlich das Ergebnis.“ „Gut gemacht. Ben, was haben sie über die Yacht herausgefunden?“ Ben wurde mit dieser Frage unsanft aus seinen Gedanken gerissen und sagte:“Das war nur ein Gastlieger. Heimathafen ist in Emden. Keine Ahnung, warum sie das Boot umbenannt haben.“ „Die Kollegen in Duisburg haben nichts über die Glades zu berichten, haben sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Es gibt keine weiteren Familienmitglieder“, berichtete Wolfgang.

Leonie starrte mit glasigen Augen vor sich hin. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte.

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Re: 82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"
« Antworten #2 am: 25. Juli 2010, 18:16:01 »

Kapitel 6.
Ungeheurer Verdacht



Saskia wurde in Stina´s Zimmer geführt. Das Fenster stand noch immer auf und auf dem Nachttisch lag der Zettel an Saskia. Sie setzte sich langsam auf die Bettkante und öffnete das zusammengefaltete Blatt. Was sie da las, war ungeheuerlich. Doch trotzdem verwunderte es Saskia eigentlich nicht. Sie stecke den Zettel weg und fuhr sofort zurück.

Kurze Zeit später stand Saskia in der Einsatzzentrale und las ihren verdutzten Kollegen die Nachricht vor. „Ich weiß jetzt fast alles wieder. Die Erinnerung ist plötzlich zurückgekommen. Wieso, kann ich nicht sagen. Aber ich bin nicht die Tochter von diesem Paar. Ich bin als Kind entführt worden. Ich will sie nie wiedersehen.“

„Was ist das denn für eine Geschichte.“ Leonie hatte als erste ihre Sprache wiedergefunden. „Vielleicht ist die Kopfverletzung schwerer, als man angenommen hat.“ „Ich glaube Stina,“ funkelte Saskia die junge Kollegin wütend an. „Es passt alles zusammen.“ „Trotzdem muss ich Frau Stern zustimmen,“ schaltete sich nun Gruber ein. „Das hört sich ja an wie eine Räuberpistole. Wieso erinnert sie sich plötzlich? Warum hat sie nichts gesagt und ist weggelaufen?“ „Weil sie damit gerechnet hat, dass ihr niemand glaubt,“ sagte Corinna und blickte Saskia an. „Ich habe so ein Gefühl, dass das Mädchen die Wahrheit geschrieben hat.“

„In einem hat sie auf jeden Fall recht.“ Kai war gerade hinzugekommen und hatte den Schluss der Diskussion noch gehört. „Die Tests haben ergeben, dass Stina nicht die leibliche Tochter der Glades ist.“  Alle sahen Norge an. Das war wie ein Paukenschlag! Corinna war die Erste die sich wieder fasste. „Dann ergibt vieles einen Sinn! – Stina hatte vielleicht ja schon länger das Gefühl das etwas nicht stimmte und die Verletzung die sie bekommen hat die tief vergrabenen Erinnerungen hoch geholt. Wie bei einer Amnesie. Da kommt die Erinnerung manchmal Schlagartig zurück. Und ihre Reaktion dass sie einfach wegläuft ist verständlich. Aber das erklärt nicht was an Bord geschehen ist.“ Jetzt war wieder Norge dran. „Die Kollegen der KTU haben die Spuren ausgewertet von den Kratzern – es sind Kratzer von Bootslack. Das heißt also es war eine anderes Boot da! Es sieht danach aus das sie Überfallen wurden.“

Gruber sah seinen Neffen an. „Haben sie etwas über den Bootstypen  herausbekommen?“ „Nein das können sie so genau nicht bestimmen. Sie wollen uns noch eine Liste zukommen lassen für was genau der Lack benutzt wird.“ Holger ging entschlossen zu der Glaswand mit den Fotos und den Erkenntnissen die sie bis jetzt hatten. „OK – wir brauchen einen Bericht von dem Arzt wann die Verletzungen den beiden zugefügt wurden und dann müssen wir versuchen die Schiffsbewegungen zu diesem Zeitpunkt festzustellen. Und sie Asmus bohren nochmal bei den Glades nach. Warum sollte man sie überfallen? Wir konnten nicht feststellen dass etwas gestohlen wurde an Bord – Geld und Papier waren noch da.“ Saskia sah ihn an. „Und wenn es was mit Stina zu tun hat?“ Holger nickte. „Ja auch in diese Richtung müssen wir ermitteln. Alle Fälle von Kindesentführungen die nicht aufgeklärt wurden müssen durchgegangen werden. Damit fangen wir gleich Morgenfrüh an.“

„Und was wird mit Stina – wir müssen sie suchen!“ „Ja sicher – wir informieren die Kollegen der Landespolizei.“ Saskia fuhr auf. Doch es war Corinna die sie zurückhielt in dem sie ihre Hand auf ihren Arm legte. „Hast du Stina deine Adresse gegeben?“ Nein – aber meine Handynummer und sie hat meinen Namen.“ „Na vielleicht versucht sie zu dir zukommen. Ich glaube es wäre gut wenn du nach Hause fahren würdest für den Fall das sie dort auftaucht. Ich glaube sie hatte Vertrauen zu dir gefasst.“ Saskia sah Corinna an und dann nickte sie. „Ok ich fahre nach Hause. Wenn sie dorthin kommt gebe ich Bescheid!“ „Ja und wir geben dir Bescheid wenn wir was erfahren. – Sorry aber ich muss jetzt los um meine Kinder abzuholen. Wenn was ist ich bin auf dem Handy erreichbar.“ Sie nickte Holger zu und machte sich dann auf den Weg.

Alle machten sich an die Arbeit, während Saskia sich auf den Weg nach Hause machte. Sie hoffte, dass sie Stina bald finden würden.

Ben sah immer wieder von seinem Laptop zu Leonie, die mit dem Arzt der Glades telefonierte. Er fragte sich, wieso sie so geschockt reagiert hatte. Wollte sie ihn doch nicht heiraten? Ihr Verhalten hatte ihn ziemlich verunsichert. Hatte er etwas falsch gemacht? Er wandte sich schnell wieder seinem Computer zu, als Leonie auflegte und zum Kartentisch hinüberging. Es dauerte nicht lange, bis er sich erhob und zu ihr ging. Sie schob die kleinen Bojen hin und her und warf dabei immer wieder auf Radarausdrucke und andere Dokumente, die ihr helfen konnten, die Schiffsbewegungen zu rekonstruieren. „Leonie? Ich glaube, wir sollten darüber reden, oder?“ Sie drehte sich zu ihm um und sagte traurig:“Ja... aber nicht jetzt.“ Ben nickte und nahm sie in die Arme. Leonie legte ihren Kopf auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr:“Ich muss weitermachen.“ „Klar“, lächelte Ben und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und schob dann einen roten Magneten an die Stelle, wo sie die Yacht der Glades gefunden hatten. Sie bemerkte Bens erwartungsvollen Blick und erklärte:“Ist gar nicht so leicht. Waren ein paar mehr Schiffe unterwegs, als ich dachte. Und was hast du?“ „Sie waren eine durchschnittliche Familie, die Yacht konnten sie sich leisten, weil sie geerbt haben, ansonsten gab es dort nichts zu holen.“

Saskia saß auf der Terrasse und beobachtete nachdenklich ihre Umwelt. Es war urplötzlich warm geworden und die Sonne schien, als wäre nie etwas gewesen. „Saskia? Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst bei der Arbeit!“ Thure stand in seiner Uniform neben ihr und sah sie verwundert an. „Ich wollte dich nicht wecken, als ich gekommen bin.“ Sie erzählte ihm, warum sie hier war und Thure griff nach ihrer Hand. „Das hört sich ja schrecklich an. Und du glaubst, sie könnte hierher kommen?“ „Ich weiß es nicht, aber es wäre eine Möglichkeit.“ „Ich muss gleich los, leider. Ruf an, wenn du reden willst, ok?“ „Danke. Grüß deine Leute von mir, vor allem Daniela.“ „Mach ich. Pass auf dich auf.“ Er verabschiedete sich ausgiebig von ihr, holte seine Tasche und fuhr zur Arbeit. Saskia sah ihm etwas bedrückt hinterher. Es war fast immer so, wenn sie kam, musste er schon kurz darauf an Bord und umgekehrt. Dafür war ihre gemeinsame Zeit immer wunderschön. Seufzend nahm sie einen Schluck Tee und schob ihre Sonnenbrille ein wenig höher. Jetzt hieß es warten.

Ziellos streifte Saskia durch ihren kleinen Garten. Durch das nasse Wetter war das Unkraut nur so aus dem Boden geschossen. Sie fragte sich, ob sie überhaupt nochmal Zeit für Gartenarbeit hatte. Eigentlich blieb ihr wirklich kaum Freizeit. Ihr Beruf forderte sie die meiste Zeit rund um die Uhr. Plötzlich klingelte ihr Handy. Saskia sah eine unbekannte Nummer. „Hallo?“ „Frau Berg. Hier ist Stina.” „Stina. Endlich meldest du dich. Wo bist du?“ „Ich bin auf dem Küstenpfad nach Pelzerhaken. Ganz in der Nähe sehe ich so eine Art Denkmal.“ „Das wird das Arcona-Ehrenmal sein. Bleib bitte wo du jetzt bist! Ich komme sofort.“ Schnell machte Saskia sich auf den Weg. Kurz bevor sie losfuhr, rief sie noch in der Einsatzzentrale an.

Stina hatte die Zeit genutzt und sich die Geschichte der armen KZ-Häftlinge durchgelesen. Was für ein grausames Schicksal. Warum waren Menschen so? Warum gab es Menschen, die kleine Kinder aus ihrer geliebten Umgebung wegholten? Fragen über Fragen beschäftigten sie. Nur was letzten Endes an Bord der Jacht passiert war, konnte auch sie nicht sagen.

Saskia hatte ihr Fahrzeug abgestellt und lief zum Ehrenmal. Schon von weitem sah sie Stina auf der Bank sitzen. Ihre Befürchtung, sie könnte weggelaufen sein, war also falsch. Im Gegenteil. Stina begrüßte Saskia mit einem freudigen Lächeln.

Saskia nahm Stina erleichtert in die Arme. „Was machst du denn! Wir haben uns alles große Sorgen gemacht um dich, Stina.“ Stina sah sie an. Dann senkte sie den Kopf. „Ich bin vollkommen durcheinander ich weiß nicht mehr was ich machen soll. Ich wusste nur eins – ich musste da weg. Ich will sie nie wiedersehen! Warum haben sie mir das angetan? Wer bin ich – wer sind meine Eltern – wo sind sie? Das ist doch gar nicht mein Leben hier!“  Und plötzlich brach sich ihre Verzweiflung und die Ungewissheit ihre Bahn und sie begann zu weinen. Saskia schluckte – sie konnte sie gut verstehen und sie drückte sie fest an sich. Dann sah sie dass der Fuß von Stina angeschwollen war. „Um Himmels willen – was ist passiert?“ „Ich habe mir den Fuß verknackst als ich aus dem Fenster gesprungen bin. Es tut weh!“ „OK dann bring ich dich erst mal in die Klinik damit sie dir helfen.“ Stina fuhr auf. „Nein – nicht wieder dorthin! Nein!“ Saskia zuckte zusammen.  „OK – OK in der Stadt gibt es einen Orthopäden den ich gut kenne, wir fahren zu dem.“ Jetzt war Stina einverstanden. Saskia half ihr bis zum Wagen und dann fuhren sie los.

Corinna war mit ihren Gedanken noch bei dem Mädchen als sie zum Kinderladen fuhr um ihre beiden Racker abzuholen. Was war wenn das alles stimmte und man das Mädchen als Kind entführt hatte? Sie hatte eine leben gelebt das nicht ihres war. Und wie mochte es den wahren Eltern gehen? Mein Gott sie durfte nicht daran denken wie es ihr und Holger gehen würden wenn sie eines ihrer Kinder verlieren würden auf so eine Art. Nachdem sie Finn angezogen hatte und die Schulsachen von Stella wieder eingesammelt hatte die diese überall zu verstreuen pflegte wollte sie sich mit den beiden auf den Weg nach Hause machen. Gerade als sie mit den beiden am Parkplatz angekommen war sah sie den Wagen von Saskia dort stehen. Und dann kam diese mit Stina – die einen Verband um den Fuß trug - ihr entgegen. Corinna atmete auf. „Saskia – Gott sei Dank- was ist passiert?“

Stina sah die Frau an mit den beiden Kindern die sie bisher noch nicht gesehen hatte. „Corinna – sie hat sich der Fuß verstaucht als sie aus dem Fenster gesprungen ist. Ich nehme sie jetzt erst mal mit zu mir.“ Corinna nickte und sah Stina freundlich an. „Hallo – ich bin Corinna – die Frau des Kapitäns den du schon kennst. Und das sind meine Kinder – Stella und Finn. Wir haben uns alle Sorgen um dich gemacht Stina.“ Stella hatte die Hand ihrer Mutter losgelassen und war auf Stina zugegangen. Ihre offene Art kam eigentlich bei allen Leuten gut an. Sie sah Stina an und fragte ganz direkt „Wo kommst du denn her?“ Und Stina antwortete ohne zu überlegen. „Ich bin aus Dänemark!“ Erst als sie es gesagt hatte zuckte sie zusammen und sah Saskia an. „Ich weiß es wieder  - Saskia – ich weiß wieder etwas. Ich bin aus Dänemark. Da müssen auch meine Eltern sein.“ Und ein strahlen ging über ihr Gesicht. Es war als hätte sich ein Vorhang geöffnet. Corinna sah Saskia an. Ihr war ein Einfall gekommen. „Was haltet ihr davon wenn wir alle zu uns fahren – dann kann Stina sich vielleicht ein bisschen mit Stella und Pia unterhalten. Vielleicht fällt ihr ja noch mehr ein.“  Sie ahnte dass es so vielleicht leichter war für das Mädchen sich zu entspannen und zu erinnern. Saskia nickte sah aber erst Stina an. „Ist das OK für dich?“ Stina zögerte einen Moment – doch als Stella einfach ihre Hand nahm lächelte sie und nickte.

„Also, auf geht’s!“, lächelte Corinna und machte sich mit den dreien auf den Weg zum Auto, doch vorher hatte Stina sich erst mal richtig von Saskia verabschiedet.

Als sie in die Einsatzzentrale kam, hatten ihre Kollegen schon ein paar neue Erkenntnisse. „Also, was haben wir bisher?“, fragte Holger und blickte in die Runde. „Ich habe mit dem Arzt gesprochen, die Verletzungen wurden ihnen ca. 2 Stunden, bevor wir sie gefunden haben, zugefügt, allerdings kann man das nicht ganz so genau sagen. Zu dem fraglichen Zeitpunkt waren nur zwei Schiffe in unmittelbarer Nähe – ein Frachter, der schon längst in Oslo sein dürfte, ich habe schon mit dem Kapitän telefoniert, er hat nichts bemerkt. Und das andere ist vermutlich eine Motoryacht, kam höchstwahrscheinlich ebenfalls aus Burgstaaken oder aus Heiligenhafen“, erklärte Leonie. „Ok – Wolfgang, erkundige dich bei den Hafenmeistern, wer zu ausgelaufen ist, als es passierte. Was ist mit dem familiären Umfeld, Herr Asmus?“ „Nichts – keine Auffälligkeiten, nichts, was zu holen wäre und keine Familienangehörigen mehr, also ich gehe davon aus, das sie wegen Stina überfallen wurden.“ „Stina kann sich daran erinnern, dass sie aus Dänemark stammt“, warf Saskia in den Raum. „Alles klar, dann werden wir uns morgen auf die Vermisstenanzeigen aus Dänemark konzentrieren – für heute ist erst mal Schluss! Ich wünsche ihnen allen einen schönen Abend.“ Alle brachen auf und als er zu seinem Auto ging, sah Kai zufrieden, das Ben Leonie einen Arm um die Schulter gelegt hatte. Er hoffte, dass sie heute noch miteinander reden würden.



Kapitel 7.
Entführungsvesuch



Als Wolfgang nach Hause kam, sah er Margitta im Garten. Sie war wie ein Berserker die Sträucher am beschneiden. "Man könnte fast meinen, du wolltest dich an den armen Pflanzen rächen," begrüßte Wolfgang sie mit einem Schmunzeln. "Ich stelle mir gerade vor, es wäre Dirks Kopfs und ich würde ihm jedes Haar einzeln ausreißen." "Jetzt lass mal gut sein," lachte Wolfgang und nahm ihr die Baumschere ab. "Wie geht es Elin?" "Sie ist mit ihrem Freund und ihren Schwestern an den Strand. Sie wollen ein Picknick machen und den Sonnenuntergang fotografieren. Ich wollte es ihnen auch nicht verbieten." "Das war richtig. Eigentlich eine tolle Idee. Vielleicht sollten wir das auch machen. Wir brauchen uns ja nicht gerade zu den Kids zu setzen. Es gibt genug Plätze. Wo wollten sie denn hin?" "Nicht weit. Zur Seebrücke." Wolfgang nahm sein Handy und rief Fionas Nummer an. Sie war das vernünftigste der Mädchen. "Hallo Fiona! Wir haben heute Abend noch was vor. Seid bitte beim Einsetzen der Dunkelheit zu Hause. Ich weiß noch nicht, wann wir zurück sind." "Aber, wo sollen wir denn hin Wolfgang und ich habe nichts zu essen vorbereitet. Wir müssten noch einkaufen." Wolfgang nahm Margittas Hände. "Wir nehmen Brot, Käse, Obst und Wein mit. Was hältst du davon?" Jetzt endlich strahlte sie übers ganze Gesicht. "Gute Idee. Dann lass uns schnell alle Vorbereitungen treffen. Wo gehen wir hin?" "Wo der Küstenweg anfängt. Da können wir uns zum Essen auf die Bänke setzen und gehen später an den Strand runter." Wie der Blitz war Margitta im Haus, um alle Vorbereitungen zu treffen. Wolfgang freute sich, dass sein Vorschlag ihr so gut gefiel. Vielleicht hatte er die Möglichkeit, dann nochmal ruhig und vernünftig mit ihr über das leidige Thema zu sprechen.

Nicht weit entfernt stand Dirk Marx, gut versteckt hinter einer Tanne beim Nachbargrundstück. Die Leute waren verreist und so konnte er unbemerkt dort herum schleichen. Wütend hatte er gesehen, wie Margitta diesen Unterbaur angestrahlt hatte. Früher hatte ihr herzliches Lächeln ihm gegolten. Aber jetzt hatte sie nur noch Augen für den anderen. Es war alles seine Schuld, dass wusste er. Doch immerhin, sie hatten zusammen drei Kinder und die wollte er wieder haben. Koste es was es wolle.

Corinna war mit der Kinderschar inzwischen zu Hause angekommen. Pia, die schon da war, war überrascht als sie noch einen Gast mitbrachte. Corinna nahm sie kurz zur Seite und erklärte ihr wer Stina war. „Oh – das ist ja schlimm. Und sie erinnert sich jetzt plötzlich wieder daran?“ „Ja aber noch gibt es nichts Konkretes.  Ich dachte vielleicht fühlt sie sich hier in der Umgebung und mit den Kindern freier und kann sich vielleicht dann an noch mehr erinnern. Kannst du ihr ein Bett bei dir im Zimmer machen?“ „Aber sie kann auch mein Zimmer haben ich schlafe dann bei Stella.“ Meinte Pia. „Hm nein ich glaube nicht das es gut wäre wenn sie alleine ist. Es könnte ja sein das sie Träumt in der Nacht – oder sie aufwacht und weiß nicht wo sie ist. Ich glaube es ist besser wenn jemand bei ihr ist.“ „OK wahrscheinlich hast du recht Corinna. Ich mache ihr bei mir ein Bett.“ „Danke Pia.“  Dann ging sie in die Küche um das Abendessen vorzubereiten. Nachdem Pia das Bett zu Recht gemacht hatte kam sie ihr helfen. 

Stina hatte sich sofort mit Stella und ihrem Bruder angefreundet. Sie saß mit den beiden im Wohnzimmer und spielte. Und sie vergaß dabei für einige Zeit das was sie bedrückte. Man konnte ihr Lachen durch das ganze Haus hören. Als Holger das Haus betrat war er irritiert als er es hörte. Er warf einen Blick ins Wohnzimmer und sah Stina mit den beiden spielen. Und er sah wie sie strahlte. Leise ging er in die Küche. Dort nahm er seine Frau in den Arm und gab ihr einen Kuss. „Du hast mal wieder inriechtiv das Richtige gemacht, mein Schatz. Stina scheint ganz gelöst zu sein. Das ist genau das Richtige für sie.“ Corinna sah ihn an. „Ich hoffe es und ich hoffe das es vielleicht dazu beiträgt das sie sich an noch mehr erinnert.“ „Ja – hoffen wir es – die ganze Sache ist ziemlich verworren.“ Er erklärte ihr nich kurz was es neues gab bevor er sich umzog zum Abendessen. 

Saskia saß zu Hause auf der Terrasse und dachte nach. Stina ließ sie nicht los. Wie musste es den Eltern gehen die ihre Tochter verloren hatten? Nicht wusste was mit ihr passiert war. Wenn Stina Erinnerungen daran hatte dann musste sie vielleicht 3 – 4 Jahre gewesen sein als man sie entführt hatte. Warum taten Menschen sowas anderen an? Sie musste wieder an das Kind denken das sie verloren hatte. Das war schon schlimm gewesen – wie schlimm musste es da sein wenn man ein Kind verlor das man schon ein paar Jahre hatte. Wenn es von einem Tag auf den anderen verschwand ohne Spuren. Sie mussten herausfinden wer Stina war und wo ihre Eltern waren um sie wieder zusammen zu bringen.

 Leonie und Ben genossen ebenfalls die milde Abendsonne und saßen auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung. „Ben?“ „Hm?“ „Wir wollten doch reden....“ Ben setzte sich auf, griff nach ihrer Hand und meinte:“Ich war durch deine Reaktion ziemlich verunsichert. Ich weiß nicht.... wie ich das interpretieren soll...“ Leonie bemerkte, dass er angespannt war. „Es sollte nicht heißen, das ich nicht mehr möchte, nur.... Diese Vorschläge kamen so plötzlich...“ Er nickte erleichtert und lächelte leicht. „Und jetzt?“, fragte er und streichelte ihr über den Handrücken. „Naja... Jetzt wollte ich dich fragen, ob du Ende Juli schon was vorhast.“

Da Dirk nun wusste, wo die Mädchen waren, machte er sich auf den Weg zur Seebrücke. Ihm war egal, ob sie nun freiwillig mit ihm mitkommen würden oder nicht – bei Margitta und ihrem Mann würden sie keine Minute länger bleiben!

Die Mädchen und Till saßen auf ihrer Picknickdecke und tratschten. Ihren Proviant hatten sie schon längst aufgegessen, doch das störte sie nicht. Keiner der vier bemerkte, dass sie beobachtet wurden.

Dirk Marx schlich sich im Schutz der Seebrücke an die vier Jugendlichen heran. Sie hatten sich verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, vor allem Elin sah erwachsener aus. Schließlich kam er auf die Mädchen zu. „Hallo ihr drei!“ Sie fuhren herum, doch die Reaktion auf das Auftauchen ihres Vaters war eher geteilt. Während Diana und Fiona ihn freudig umarmten, verschränkte Elin die Arme vor dem Oberkörper und sah ihn an, als wollte sie ihn mit ihren Blicken töten. „Elin, was ist denn los mit dir? Freust du dich nicht, das eure Mutter erlaubt hat, das wir uns jetzt zusammen im Kino einen Film ansehen?“ „Sie hätte uns angerufen, wenn es wirklich so wäre! Aber ich glaube kaum, dass sie dir noch irgendetwas erlauben würde! Fiona, Diana, kommt wieder her! Der Typ lügt wenn er den Mund aufmacht!“ „Ich bin immer noch dein Vater, ich möchte nicht, dass du so über mich redest!“ „Du bist nicht mehr mein Vater! Wolfgang ist in der Sache viel besser als du! Verschwinde, oder ich rufe die Polizei!“

Dirks Gesicht wurde feuerrot vor Wut. Warum gerade Elin? "Eure Mutter erzählt Lügen über mich. Ihr dürft ihr nicht glauben!" "Bitte Papa. Mach doch nicht alles noch schlimmer," bat Fiona ihn. "Mama hat dir nicht erlaubt, mit uns ins Kino zu gehen. Warum fährst du nicht nach Hause und gibst Ruhe? Im Prinzip will Mama gar nicht, dass wir keinen Kontakt zu dir haben. Im Gegenteil. Es ist ihr sehr wichtig." "Mein Zuhause ist da wo ihr und eure Mutter seid." "Aber unseres ist nicht da, wo du bist," schrie Elin. Sie sprang auf und lief weg. "Elin warte!" Dirk hastete seiner jüngsten Tochter hinterher. Doch gegen das sportliche Mädchen hatte er keine Chance.

Ina war gerade dabei, auf der Terrasse vom Störtebeker die Blumen zu gießen, als sie Elin sah. Schnell rief sie nach Kalle. Gerade als Elin die Kneipe erreicht hatte, war ihr Vater bei ihr. Sie lief direkt in Kalles Arme. "Verschwinden sie! Aber sofort. Ina ruf die Polizei. Ich versuche Wolfgang zu erreichen.“ In der Zwischenzeit waren auf Fiona, Diana und Till angekommen. "Bitte Kalle. Tut das nicht," bat Fiona und wandte sich erneut an ihren Vater. "Bitte Papa. Geh doch endlich. Ich werde nochmal mit Mama reden. Bitte!" Dirk merkte, dass es besser war, klein bei zu geben. Er schloss Fiona in die Arme und strich ihr zärtlich über das lange blonde Haar. Sie war das Ebenbild von Margitta und das schmerzte ihn noch mehr. Dann wandte er sich an Elin. "Es tut mir leid Elin. Verzeih mir!" Dann ging Dirk. Von alledem nichts ahnend saßen Wolfgang und Margitta am Strand von Pelzerhaken und waren einfach nur glücklich.

Das Abendessen im Kapitänshaus war wie immer, es wurde viel geredet und gelacht und selbst Stina die zuerst noch sehr ruhig gewesen war ließ sich davon anstecken und plauderte mit. Finn der kleinste plapperte ganz unbefangen. „Hast du auch einen Bruder und eine Schwester?“ Er sah Stina dabei an. Sie schüttelte den Kopf. „Nein ich habe keine Geschwister. Leider, ich hätte gerne einen kleinen Bruder.“ „Und wo wohnst du?“ „Bisher habe ich in Duisburg gewohnt – aber ich komme aus Dänemark.“ „Und von wo da?“ „Meine Eltern haben auf einer Insel gewohnt!“ Das kam wie selbstverständlich und sie schien es gar nicht zu bemerken. Holger und Corinna sahen sich an. Ein weiterer Hinweis der ihnen vielleicht helfen konnte. „Oh schön ich  möchte auch auf einer Insel wohnen.“ Alle mussten lachen. „Hast du hier nicht genug Wasser Finn? Du hast doch die Ostsee vor der Tür.“ Finn strahlte – er war ein Wasserkind. „Gehen wir morgen an den Strand?“ „Na ja Morgen nicht aber vielleicht am Wochenende. Papa ist ja auch da dann könnten wir grillen.“ Auch Stella war ganz begeistert. „Oh ja und Stina kommt mit.“ „Warum nicht.“ Stina sah Corinna erstaunt an. „Ich darf wirklich mitkommen?“ „Aber sicher.“ Lachte Corinna.

Wolfgang und Margitta waren sofort zu Kalle gekommen als sie gehört hatten was passiert war. Margitta war empört und schimpfte mit hochrotem Kopf auf ihren Ex Mann. „Das ist doch eine bodenlose Unverschämtheit. Ich habe doch gewusst das er es war der mich verfolgt hat. Mir reicht es jetzt! Ich muss was unternehmen. Was wäre wenn er die Mädchen einfach mitgenommen hätte?“ Sie war den Tränen nah. Wolfgang nahm sie in die Arme. „So leicht ist das nicht – die Mädchen sind alt genug. Aber du hast recht – so kann es nicht weitergehen. Immer dieser Stress – das geht nicht so weiter.“ Margitta nickte. „Ich werde gleich Morgen meinen Anwalt anrufen und ihm alles erzählen. Er soll mir raten was ich tun soll.“  Er war auch sauer auf Dirk Marx, wieso musste er einen so schönen Abend so zerstören? „Ich glaube wir sollten jetzt nach Hause gehen. Danke für dein Eingreifen Kalle.“ „Na das war doch selbstverständlich.“ Meinte der nur knapp. Er und Ina sahen den sechsen nach als sie die Strandallee hinuntergingen. „Ich verstehe den Mann nicht – er macht doch alles nur noch schlimmer mit solchen Aktionen. Ich könnte Margitta verstehen wenn sie ihm das Umgangsrecht jetzt ganz verbieten würde.“ „Nein – das geht doch nicht. Er ist der Vater und die Mädchen haben ihn doch trotzdem noch gerne. Wenn auch Elin im Moment sehr sauer ist auf ihn. Ich glaube ja das er nicht damit fertig wird das Margitta mit Wolfgang so glücklich ist und die Kinder auch. Aber er muss es akzeptieren!“ Kalle nickte.

Als Wolfgang am anderen Morgen in die Zentrale kam hatte er nicht gerade viel geschlafen und das sah man ihm an. Dafür hatte Holger einige Neuigkeiten.  „Also, wir können die Suche noch ein wenig eingrenzen – Stina hat sich daran erinnert, das sie von einer kleinen Insel in Dänemark stammt. Frau Stern, sie gehen bitte mit Asmus die Vermisstenanzeigen durch.“ Kai hatte gerade telefoniert und sagte:“Das war das Krankenhaus. Frau Glades ist vernehmungsfähig, ihr Mann allerdings noch nicht.“ „Gut, danke. Frau Berg, sie und Norge fahren ins Krankenhaus. Ich denke, sie hat uns eine Menge zu erklären!“

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Re: 82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"
« Antworten #3 am: 25. Juli 2010, 18:20:18 »

Kapitel 8.
Verlus
t

Ben und Leonie saßen über den Anzeigen und tuschelten hin und wieder ein wenig. Als Holger an ihnen vorbeiging, schnappte er einen Gesprächsfetzen der beiden auf:“Morgen früh kann sie die Karten schon rausschicken? Manchmal bin ich froh, das deine Mutter bei guten Neuigkeiten so durchdreht.“ Holgers berufsbedingte Neugier war geweckt, doch er tat so, als hätte er nichts mitbekommen und fragte:“Haben sie schon etwas gefunden?“ „Wir suchen erst die Anzeigen raus, die nach dem Alter passen würden. Bisher sind das ca. 15“, antwortete Leonie und Ben meinte:“Vielleicht kann ich mit einer speziellen Software die Bilder in den Anzeigen so verändern, das wir sehen, wie sie heute aussehen würden. Es gäbe zwar eine geringe Fehlerquote, aber es wäre eine Möglichkeit, die Arbeit ein wenig zu beschleunigen. Die Gesichtsmerkmale ändern sich ja nicht groß im Laufe der Zeit.“ „Versuchen sie es, Asmus.“ „In Ordnung.“

Sybille Glade saß aufrecht in ihrem Bett, als Saskia und Kai ihr Zimmer betraten. Sie sah die beiden erstaunt an und fragte:“Ist etwas mit meiner Tochter? Warum ist sie eigentlich noch nicht hier gewesen? Sie ist doch nicht schwer verletzt?“ Saskia sah sofort, dass Frau Glade sich große Sorgen machte. „Frau Glade,“ sagte sie schließlich. „Wir wissen mittlerweile, dass Stina nicht ihre Tochter ist. Ich denke, sie haben einiges zu erklären. „Was fällt ihnen ein? Das ist eine bodenlose Verleugnung. Wo ist mein Kind? Ich will sofort mein Kind sehen!“ Die Stimme der Frau wurde immer hysterischer. Ein Arzt und eine Krankenschwester kamen ins Zimmer gelaufen. Mittlerweile schrie Frau Glade wie von Sinnen. „Was haben sie gemacht,“ fuhr der Arzt Saskia und Kai an. Verlassen sie sofort das Zimmer!“ Saskia wollte etwas erwidern, doch Kai zog sie am Arm in den Flur hinaus. „Das hat doch keinen Zweck, Saskia. Wir warten auf den Arzt und reden mit ihm.“

In der Zwischenzeit hatte Ben eine Spur gefunden. Sie führte auf die dänische Insel Romo.
Dort wurde seit 11 Jahren ein Mädchen namens Tina Jorgensen vermisst. Zum Zeitpunkt des Verschwindens hatte die Mutter mit dem Kind eine Schwester besucht, die in Husum wohnt. Trotz intensiver Suche wurde nie eine Spur von Tina gefunden. Zum Entführungszeitpunkt war sie gerade vier Jahre alt geworden. „Bingo!“ Ben sendete ein Foto von Stina nach Husum und auf die Insel Romo.  .Er  war sicher, dass sie die vermisste Tina Jorgensen war.

Saskia wusste diese Reaktion der Frau nicht einzuordnen. Sie musste doch wissen das Stina nicht ihre Tochter war. Ok das sie es verleugnen würde, ja aber diese Reaktion war doch zu heftig. „Sie kann doch nicht glauben dass wir ihr das Theater abnehmen. Es ist doch so leicht zu beweisen.“ Meinte sie zu Kai der neben ihr auf der Bank um Flur saß. „Hm ja es ist komisch. Aber vielleicht blendet sie das ja alles aus – wer weiß warum sie damals das Mädchen entführt haben. Es soll ja vorkommen das Frauen die eine Totgeburt hatten andere Säuglinge entführen und sie dann wir ihre eigenen Kinder aufziehen.  Vielleicht ist es hier auch so ein Fall.“ Saskia sah ihn an. „Kai – das Mädchen war schon 4 Jahre alt als es entführt wurde. Sie hat doch deutlich gespürt dass es nicht ihre Eltern waren. Ok das sie es in den vielen Jahren dann irgendwie verdrängt hat und das sie sich erst jetzt wieder daran erinnern kann – gut das könnte ich mir vorstellen. Aber in der ersten Zeit hat sie sich doch sicher nach ihren Eltern gesehnt. Wer weiß was die Glades ihr erzählt haben.“  Kai nickte er konnte es auch nicht verstehen.

Corinna und Holger hatten Stina am Morgen mit in die Zentrale genommen weil die Kinderpsychologin sich mit ihr unterhalten wollte und auch das Jugendamt hatte darauf gedrängt. Als die Psychologin mit Stina alleine sprechen wollte  hatte sie hilfesuchend Corinna angesehen. Und die hatte sofort zugesagt dass sie dabei sein würde. „Stina, kannst du dich daran erinnern was auf dem Boot passiert ist?“ Wollte die Psychologin wissen.  Stina schüttelte den Kopf. Dann fragte Corinna. „Ist das euer Boot?“ „Ja – wir waren das erste Mal hier auf der Ostsee.  Vorher waren wir immer an der Nordsee. Aber ich wollte so gerne mal hierher. Und dann haben sie nachgegeben.“ Die Psychologin mischte sich ein. „Mit SIE meinst du deine Eltern!“ Stina fuhr auf. „Nein – sie sind nicht meine Eltern! Und ich will auch nie wieder zu ihnen – nie wieder! Ich hasse sie!“ Corinna nahm ihre Hand um sie zu beruhigen. „Das musst du auch nicht Stina. Wir suchen deine leiblichen Eltern und dann kommt alles wieder in Ordnung. Sag mal – hast du es denn schlecht gehabt bei den Glades? Waren sie nicht gut zu dir? Haben sie dich geschlagen?“ Stina sah sie an. Ihre Wut legte sich wieder. „Nein.“ Meinte sie leise. „Wann hast du denn das erste Mal gespürt dass es nicht deine Eltern sind?“ Stina schluckte. „Schon länger – ich gleiche keinem von beiden. Und sie sind auch so ganz anders als ich. Alles was sie mögen mag ich nicht und was ich mag das mögen sie nicht. Und sie hat auch immer auf mich aufgepasst – ich durfte ja kaum alleine irgendwohin gehen. Entweder ist sie mitgekommen oder hat mich gebracht und abgeholt. Na ja und irgendwann ist mir aufgefallen das es keine Babyfotos von mir gibt. Ist doch komisch!“ „Ja das stimmt!“ „Na und dann habe ich so komisch geträumt – von einer anderen Frau die mich im Arm hält und die singt, aber in einer anderen Sprache. Und die Träume wurden immer mehr.“

Der Arzt kam aus dem Zimmer von Frau Glades. „Was ist Herr Doktor?“ Wollte Kai wissen. „Ich kann es auch nicht erklären – die Frau hat einen völligen Nervenzusammenbruch. Was immer sie ihr auch gesagt haben es muss diese Reaktion ausgelöst haben. Vernehmen können sie sie jetzt jedenfalls nicht.“ „Und was ist mit ihrem Mann?“ Der Arzt schüttelte den Kopf. „Nein  - wenn wir Glück haben wird er in den nächsten 12 Stunden aufwachen. Mehr kann ich nicht sagen.“

 Im Klostergarten von Cismar saß eine junge Frau und starrte mit leerem Blick vor sich her. Das rege Treiben um sie herum schien sie gar nicht zu bemerken. Es war, als steckte sie unter einer Glashaube. Sie wartete. Wartete schon fast zwei Stunden. Schließlich sah sie ihn kommen. Der Mann saß eine Zeitlang wortlos neben ihr. „Warum hast du das getan Lena?“ Fragte er schließlich. Ihre dunklen Augen schienen durch ihn hindurch zu sehen. „Ich will sie zurück haben! Sie ist doch unser Kind.“ Der Mann streichelte zärtlich ihre Hände. „Es geht nicht Lena. Wir haben ein Abkommen. Es war das Beste, was wir für Tina tun konnten. Die Glades waren doch immer gut zu ihr. Was hätte sie für eine Kindheit gehabt, ständig mit uns auf der Flucht vor irgendwelchen Drogendealern. Ich war im Neustädter Krankenhaus und habe mich als Freund der Familie Glade ausgegeben. Der Mann liegt noch im Koma, ist aber außer Lebensgefahr. Die Frau hat aus noch ungeklärten Gründen einen Nervenzusammenbruch gehabt. Wenn sie dich erwischen, gehst du für lange Jahre ins Gefängnis. Ich dachte eigentlich, da hätten wir in den letzten zehn Jahren genug Zeit verbracht. Noch sind wir jung genug, ein neues Leben zu beginnen.“ „Es gibt für mich kein Leben ohne unsere Tochter.“ „Was ist eigentlich noch auf dem Schiff passiert? Warum hast du sie nicht mitgenommen?“ Tränen liefen aus Lenas Augen und sie weinte stumm vor sich hin. „Dieser Mast ist ausgeschlagen und hat sie getroffen. Ich wollte ihr helfen, aber sie war zu schwer. Ich konnte sie nicht in mein Boot transportieren. Da kam dieses Ausflugsschiff und ich bin in Panik geraten.
Vielleicht ist sie sogar tot und ich trage die Schuld.“ „Nein. Sie lebt und es geht ihr ziemlich gut.“ Zärtlich streichelte er über Lenas dunkles Haar. „Wir müssen zurück nach Dänemark. Noch hat die Küstenwache keinerlei Hinweis auf den Überfall. Die Glades werden den Mund halten. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig.“ „Ich gehe nicht ohne Tina zurück.“ Seufzend ließ Thorben Lund den Arm sinken. Er war mit seinem Latein am Ende.

„Kannst du dich an etwas, was auf dem Boot passiert ist, erinnern?“, wollte die Psychologin von Stina wissen. „Nicht wirklich – nur ungenau. Ich habe einen Schuss gehört und wie die Frau etwas geschrien hat.“ „Was hat sie gesagt? Konntest du es verstehen?“ Stina brauchte ein paar Minuten, bis sie antwortete:“So etwas wie: Was willst du hier, sie ist meine Tochter! Und dann war plötzlich Stille. Ich bin aus meinem Versteck nach oben und habe sie da liegen sehen, ich bin zum Beiboot aber dann hat mich etwas von hinten getroffen – mehr weiß ich nicht.“ Die Psychologin warf Corinna einen bedeutungsvollen Blick zu, worauf Corinna aufstand und meinte:“Ich bin gleich wieder da.“

Ben hatte bereits eine Rückmeldung von den dänischen Kollegen bekommen. „Sie ist es!“, rief er laut in den Raum. Holger kam zu ihm herüber und Ben erklärte:“Der Beamte auf Romo hatte auch veränderte Fotos vorliegen und hat sie zweifelsfrei identifiziert, er kannte das Mädchen auch persönlich. Die Eltern, Thorben und Lena Lund, sind seinen Informationen zu Folge sogar in der Nähe, in Cismar. Aber ganz sicher ist er sich nicht, ob sie noch da sind.“ Plötzlich betrat Corinna den Lageraum und sagte:“Stina erinnert sich daran, dass Frau Glade eine andere Person angeschrien hat, kurz bevor sie selber versucht hatte zu entkommen. Es muss noch eine dritte Person an Bord gewesen sein, vielleicht auch jemand, der Stina persönlich kennt.“ Sie gab die Worte wieder, an die sich Stina erinnert hatte und fügte dann hinzu:“Ich denke, wir sollten von einem Überfall ausgehen.“

   

Holger sah sie nachdenklich an. Doch es war Corinna die aussprach was alle dachten. „Was wenn die Eltern versucht haben ihre Tochter wieder zu bekommen? Sie haben auf irgendeine Weise herausbekommen wo ihre vermisste Tochter ist und wollten sie nun zurückholen. Was dabei schiefgegangen ist – wer weiß es! Was können uns die Kollegen über diese Lund´s sagen?“ Ben griff sofort zum Telefon um sich zu erkundigen. Corinna zog sich in ihr Büro zurück und Holger folgte ihr. Eine Weile saßen sie schweigend zusammen dann meinte Holger nachdenklich. „Was würdest du tun wenn man eines deiner Kinder entführt hätte und du nach 10 Jahren eine Spur findest?“ Fragte er seine Frau. Corinna hob den Kopf und sah ihm gerade in die Augen. „Alles!“ Sagte sie hart und glasklar. „Alles um mein Kind zurück zu bekommen!“ Obwohl Holger sie nun schon sehr gut kannte zuckte er doch zusammen. Und dann zog er sie in seine Arme.

Unterdessen hatte Ben Informationen bekommen ihn selber total überraschten. Und so ging er auf die Suche nach Holger Ehlers. Er fand ihn und Corinna in dessen Büro. „Kapitän ich glaube sie sollten sich setzten.“ Holger sah ihn an – lächelte und dann nickte er ihm zu. „OK dann schießen sie mal los.“ „Also ich habe gerade mit einem Beamten der Polizei aus Kopenhagen gesprochen. Thorben Lund war Beamter der Drogenpolizei in Dänemark. Und er war Undercover Agent! Er hat bis vor gut einem Jahr an einem Fall gearbeitet der dazu geführt hat das ein großer Drogenring aufgeflogen ist. Bis dahin hat er im Untergrund gelebt.“ Ben sah die beiden an um die Reaktion zu sehen.  Holger sah Corinna an. Die hatte plötzlich eine Idee. „Haben die Glades mal in Dänemark gelebt?“ Ben kramte in den Papieren die er mitgebracht hatte. „Ja – stimmt. Sie haben mal zwei jahrelang in Dänemark gelebt weil sie ein Projekt dort hatten – das war kurz vor der Entführung von Tina.“ Corinna nickte. „Ich glaube ich habe eine Ahnung was gewesen ist. Lund wusste das die Gefahr für seine Frau und das Kind zu groß ist durch seine Tätigkeit. Vielleicht haben sie sich entschlossen ihr Kind in sichere Hände zu geben.  Da kommen die Glades ins Spiel.“ Holger sah sie erstaunt an. „Du meinst dass sie den Glades ihr Kind gegeben haben? Aber wie sind die Glades dann an Papiere gekommen für Tina?“ Wieder sah Corinna Ben an. „ Die Geburtsurkunde von Tina –oder Stina. Wo ist sie geboren?“ Wieder suchte Ben, dann sah er Corinna an. Ein breites Grinsen legte sich über sein jungenhaftes Gesicht. „Sie sind doch eine Hexe – woher wussten sie das?“ Holger sah zwischen den beiden hin und her. „Also die Erkenntnis dass meine Frau eine Hexe ist – woher nehmen sie die?“ „Na sie hat es gewusst – Stina ist in Dänemark geboren. Und so haben die Glades es auch geschafft sie in Deutschland einfach als ihre Tochter eintragen zu lassen.“ Holger sah Corinna an. „Jetzt wirst du mir auch unheimlich.“ „Ach Holger – es ist doch logisch. Die deutschen Jugendämter sind pedantisch. So einfach kannst du kein Kind hier anmelden.  Aber wenn du nach einem Auslandsaufenthalt zurück kommst mit einer Geburtsurkunde dann hast du keine Schwierigkeiten das Kind eintragen zu lassen. Niemand wird daran zweifeln das es dein Kind ist – es sei denn es hat eine andere Hautfarbe.“  

Holger stand entschlossen auf. „OK – Asmus versuchen sie herauszufinden ob die Lunds wirklich in Cismar sind. Wenn ja sollen die Kollegen der Landespolizei sie hierher bringen zu einer Befragung. Wir müssen Klarheit bekommen.“


Kapitel 9.
Wiedersehn


Lena und Torben hatten Cismar verlassen und waren nun in Rettin, wo sie ein Zimmer in einer kleinen Pension gemietet hatten. Die Pension hatte 12 Gästezimmer, die alle voll belegt waren. Warum also sollte das junge Paar auffallen. Torben hatte Lena zu einem Spaziergang überredet. Er machte sich große Sorgen um seine Frau und gab sich die Schuld an allen vergangenen Ereignissen. Er hatte Lena sehr früh kennen und  lieben gelernt. Trotzdem hätte er sich nie an sie binden dürfen. Zu Lenas eigener Sicherheit. Er hatte sie und sein Kind in Lebensgefahr gebracht. Der Drogenring konnte jederzeit zuschlagen. In fünf Jahren kamen die aus dem Gefängnis, die er vor zehn Jahren dorthin gebracht hatte. Dann würde man ihnen eine neue Identität geben müssen. Es hatte lange gedauert, bis er Lena klar gemacht hatte, dass es die einzige Möglichkeit war, ihre Tochter zu schützen. Zu beschäftigt, hatte er nicht bemerkt, wie Lena an dem Verlust des Kindes innerlich zerbrach. Noch hatte er Tina selbst nicht gesehen, aber wie würde er reagieren, wenn sie plötzlich vor ihm stand.

Saskia war zu Corinna gefahren, die mittlerweile Dienstschluss hatte, um nach Stina zu sehen. Es war auch eine Bitte von Kapitän Ehlers gewesen. Das Mädchen war mit Pia und den Kleinen im Garten des Kapitänshauses am spielen. Die Gesellschaft der Kinder tat ihr gut. Corinna hatte keinen Dienst mehr. „Puh! Ist das heiß heute,“ sagte sie zu Saskia. „Wir sollten ans Meer gehen. Da weht wenigstens immer ein bisschen der Wind.“ „Ja. Strand gehen,“ schrie Finn und hüpfte wie ein Irrwisch durch den Garten. „Ich hole meine Strandspielsachen,“ sagte Stella und lief ins Haus. Saskia musste lachen. „Also Corinna! Auf zum Strand!“

„Sie sind nicht mehr in Cismar. Sie sind vor ein paar Stunden abgereist“, erklärte Ben nach einem Telefongespräch. „Vielleicht sind sie ja hier ganz in der Nähe, ich meine, wenn sie wirklich ihre Tochter zurückhaben wollen, dann werden sie versuchen, ihr so nahe wie möglich zu kommen, oder?“, warf Leonie in den Raum, worauf Holger nickte. „Eine gute Überlegung. Asmus, lassen sie sich Fotos von den Lunds schicken und klappern sie gemeinsam mit Frau Stern alle Bootsverleihe in der Gegend ab. Wolfgang, du kümmerst dich um die Hafenmeister und Verleihe nahe Cismar.“ „Ok.“ Ben hatte die Fotos sehr schnell und er machte sich mit Leonie auf den Weg.
Im Auto fragte Leonie ihn:“Glaubst du, das die beiden die Glades wirklich umgebracht hätten, um ihre Tochter wiederzubekommen? Der Lund ist doch Polizist!“ „Wir Polizisten sind doch auch nur Menschen.“ „Ich weiß. Aber trotzdem.“

Corinna und Saskia saßen im Sand und unterhielten sich, während die Kinder gemeinsam spielten. Stina schien gar nicht mehr an das zu denken, was passiert war.

Lena und Torben wanderten den Strand entlang. Torben sah, das es seiner Frau nicht gut ging und er wünschte sich, er könnte irgendetwas tun, um sie aufzumuntern.

Corinna beobachtete wie selbstvergessen Stina mit ihren Kindern spielte. Jetzt war sie das Mädchen das sie sein sollte – unbeschwert und lustig. Aber Corinna war klar was auf sie zukam. Wie würde sie das verkraften? Würde der Hass den sie jetzt empfand gegen die Menschen die sie vor nicht zu langer Zeit noch ihre Eltern genannt hatte bestehen bleiben? Saskia sah sie an – auch ihr gingen diese Gedanken durch den Kopf.  

Thorben und Lena Lund waren von Rettin aus am Strand entlang gelaufen in Richtung Pelzerhaken. Sie waren so in ihre Gedanken vertieft dass sie nicht darauf geachtet hatten wie weit sie schon weg waren. Erst als sie den alten Leuchtturm von Pelzerhaken sahen hielten sie inne. „Sollen wir nicht zurückgehen?“ Meinte Thorben zu seiner Frau. Sie sahen über den Strand der hier nicht so bevölkert war. Die meisten Touristen waren nahe der Seebrücke. Dort gab es Lokale und eine Eisdiele. Aber ein paar Leute lagen auch hier am Strand. Lena Lund wollte schon nicken als sie auf eine kleine Gruppe aufmerksam wurde. Zwei Frauen mit zwei kleinen Kindern und zwei größeren Mädchen. Und dann plötzlich erstarrte sie. War das nicht Tina? War da nicht ihre Tochter? Lena griff nach der Hand ihres Mannes und drückte sie schmerzhaft.  Mit der anderen deutete sie zitternd auf die kleine Gruppe. „Da, Thorben da ist Tina!“

Holger saß in der Zentrale und brütete über den Berichten. Was würde werden wenn sie tatsächlich die Lunds fanden und ihnen den Überfall nachweisen konnten? Sie waren die Eltern des Kindes – dass sie ihr Kind zurückholen wollten konnte er verstehen. Aber Stina – oder Tina war bei den Glades aufgewachsen. Sicher wenn sie sich jetzt daran erinnerte das sie andere Eltern hatte würde sie sich erst mal von den Glades abwenden. Doch sie konnte nicht auch all das gute vergessen haben was sie bei ihnen erlebt hatte. Und dann würde der Zweifel kommen – die Erinnerung dass ihre Eltern die Menschen fast umgebracht hatten die für sie solange Eltern waren. Mein Gott in welchem Zwiespalt steckt dieses Kind! Konnte das ein Kind überhaupt bewältigen?

Leonie war seltsam ruhig und nachdenklich als sie mit Ben losgefahren war um nach den Lunds zu suchen. „Was ist Leonie?“ Fragte Ben sie nach einer Weile. „Ich muss an diese Lunds denken – wie furchtbar es sein muss sein Kind so zu verlieren. Kannst du dir vorstellen wie das sein muss?“ Ben sah sie an. „Hm – nein aber ich denke es muss fruchtbar sein.“ Einen Moment schwieg er dann fragte er sie leise.  „Willst du eigentlich Kinder?“

Leonie zögerte zuerst, doch dann sagte sie mit fester Stimme. "Eigentlich ja, aber erst in ein paar Jahren. Ich liebe meinen Beruf und habe die Ausbildung nicht umsonst gemacht. Ist das ein Problem für dich?" "Ich weiß nicht," antwortete Ben. "Ehrlich gesagt, über eine Familie habe ich noch nicht nachgedacht." Schweigend fuhren die beiden weiter. Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Thorben musste alle Kraft aufwenden, um seine Frau festzuhalten. Das fiel ihm nicht leicht. Beim Anblick seiner Tochter hatte ihn ein tiefer Schmerz durchfahren. Nie hätte er gedacht, dass er so intensiv auf ihr Wiedersehen reagieren könnte. Doch Thorben war in erster Linie ein Kopfmensch und er wusste, dass jeglicher Kontakt mit Tina sie in Lebensgefahr bringen würde. Er musste unbedingt mit jemanden sprechen. "Lena. Ich bitte dich. Denk an das Kind. Kannst du dir vorstellen, welcher Schock es für sie wird, wenn du dich wie aus dem Nichts als ihre Mutter präsentierst. Willst du das?" "Sie wird es spüren." Lenas dunkle Augen funkelten Thorben wütend an. "Vielleicht. Doch dann wird sie sich fragen, warum wir sie weggegeben haben." Mutlos sank Lenas Kopf auf die Brust ihres Mannes und ein stummes Weinen schüttelte ihren Körper.

Die Kinder hatten nichts bemerkt. Auch Stina nicht. Doch Corinna war auf das seltsame Paar in der Ferne aufmerksam geworden. "Saskia," sagte sie leise. "Sieh dir da hinten mal das Paar an! Bei den großen Steinen vor dem Leuchtturm. Da stimmt was nicht. Es hat so ausgesehen, als wollte die Frau hier her laufen. Der Mann musste sie mit aller Gewalt festhalten." Saskia blickte in die Richtung und sah nur einen Mann und eine Frau, die in die andere Richtung gingen. "Sie haben sich umgedreht. Vielleicht hast du dich geirrt." "Nein," antwortete Corinna bestimmt. "Ich habe so ein Gefühl, als ob es die Lunds waren." "Was sollen wir tun?" "Wir folgen ihnen. Pia und Stina können auf die Kleinen aufpassen. Zum Spaziergang haben die Kids jetzt sowieso keine Lust.“ Da hatte Corinna recht und kurze Zeit später joggten die beiden Frauen in Richtung Rettin.

Leonie und Ben waren bei einem Bootsverleih nahe Pelzerhaken gewesen. Der Besitzer hatte Lena Lund zweifelsfrei identifiziert, ihren Mann hatte er aber noch nie gesehen. Holger hatte herausgefunden, dass die Lunds sich in Rettin ein Zimmer genommen hatten. Leonie und Ben waren sofort zu der kleinen Pension gefahren, doch die Besitzerin enttäuschte sie ein wenig:“Die beiden sind schon seit einiger Zeit weg, spazieren nehme ich an.“ „Vielen Dank.“ Die beiden machten sich wieder auf den Weg zum Auto, als Ben plötzlich meinte:“ Ich glaube, ich denke genauso wie du – noch ein bisschen was sehen und so. Aber trotzdem – der Gedanke, mit dir eine Familie zu haben ist echt schön.“ Leonie lächelte und griff nach Bens Hand, als ihr zwei Personen auffielen, die auf den Eingang der Pension zugingen. „Moment mal“, wunderte sie sich und zog die Bilder der Lunds hervor. „Das sind sie doch.“ Sie bemerkten Corinna und Saskia nicht, die den Lunds in einem Sicherheitsabstand gefolgt waren.

Margitta kam gerade von der Arbeit nach Hause, als sie eine kleine, zierliche Frau mit einem zufriedenen Lächeln an ihrem Briefkasten sah. Sie warf einen Umschlag hinein und verschwand mit einem Fahrrad. Etwas irritiert leerte Margitta den Kasten und ging direkt in den Garten, wo ihre Töchter im Schatten eines Baumes das aufblasbare Wasserbecken, das Elin und Diana gemeinsam zum Geburtstag bekommen hatten, zu ihrer Residenz für diesen heißen Tag erklärt hatten. „Hi, Mum. Ist was?“ „Ach, nichts...“ Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und setzte sich an den Gartentisch, um die Post zu lesen. Als sie den Umschlag öffnete, den die kleine Frau hineingeworfen hatte, musste sie lächeln und griff nach ihrem Handy. Das musste sie sofort Wolfgang erzählen!

Corinna und Saskia waren vorsichtig gewesen und so den  Lunds nicht aufgefallen als sie ihnen folgten. Jetzt sahen sie die beiden auf den Eingang einer Pension zugehen. Und dann entdeckte Saskia Ben und Leonie. „Sieht so aus als ob du recht hast – da sind Ben und Leonie die sind ja bestimmt nichtzufällig hier.“ Corinna sah die beiden jetzt auch. Sie griff nach ihrem Handy und wählte die Nummer von Ben Asmus. „Asmus hier?“ „Hier Corinna – wir sind kurz hinter den Lunds. Haltet euch noch im Hintergrund!“ Sie sah wie sich Ben nach ihnen umsah. Und dann hatte er sie gesehen und nickte. „OK – sie wohnen dort in der Pension und ein Bootsverleiher hat die Frau wiedererkannt, sie hat sich ein Boot gemietet.“ „Sie alleine?“ „Ja denn den Mann hatte sie noch nicht gesehen.“ Corinna sah Saskia nachdenklich an. Konnte es sein das die Frau auf eigene Faust gehandelt hatte? „Ok – ruf meinen Mann an und gib ihm Bescheid. – Saskia hast du deinen Dienstausweis dabei?“ „Ja sicher!“  „Ok ich denke dann wird es besser sein wenn du zusammen mit Ben und Leonie zu ihnen gehst. Ich laufe wieder zu den Kindern zurück und fahre nach Hause. Wahrscheinlich  werden die Lunds sie sehen wollen. Und das kann man ihnen wohl kaum verwehren. Ich muss sie darauf vorbereiten.“ Saskia nickte und ging zu Ben und Leonie hinüber.

Das Corinna und Saskia alleine los waren war den kleinen nicht weiter aufgefallen nur Pia hatte natürlich etwas mitbekommen. Aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Stina spielte mit viel Vergnügen mit den Kleinen im Sand. 20 Minuten später sah sie Corinna wieder zurückkommen. Sie überzeugte sich das alles in Ordnung war und ging dann Corinna entgegen.  „Was war denn los und wo ist Saskia?“ Corinna sah ihre Adoptivtochter an. Sie war ein kluges Mädchen mit einem guten Gespür für Menschen.  „Wir haben die Eltern von Stina gesehen und sind ihnen gefolgt. Jetzt kümmert sich Saskia darum. Aber ich denke wenn sie in der Zentrale sind dann werden sie ihre Tochter sehen wollen. Wir sollten so langsam nach Hause. Und wenn Holger anruft werden wir Stina vorsichtig darauf vorbereiten müssen das sie auf ihre leiblichen Eltern trifft.“ Pia nickte. „Was hältst du davon wenn wir vorher noch zu Kalle essen gehen! Es wird sicher noch etwas dauern bis Holger anruft.“ „Das ist eine gute Idee! Es lenkt alle ab.“ „Ja genau das hatte ich auch gedacht. Na komm, verkünden wir es den Kindern!“ Sie legte dem Arm um ihre Tochter und sie gingen zu den anderen zurück. Als die Rasselbande hörte dass es zu Kalle gehen sollte brachen sie in Jubel aus und ganz schnell waren die Sachen zusammengepackt und sie gingen zum Wagen.

 Nichtsahnend von den neuesten Entwicklungen waren Wolfgang und Kai ins Krankenhaus gefahren. Martin Glade war aus dem Koma erwacht und wieder ansprechbar. „Bitte gehen sie vorsichtig mit dem Patienten um,“ bat die behandelnde Ärztin. „Er ist noch sehr schwach, wenn auch in erstaunlich guter Verfassung.“

Als die beiden das Krankenzimmer betraten, traf sie ein verzweifelter Blick aus hellen blauen Augen. Martin Glade war ein großer blonder Mann und Kai musste daran denken, dass er sich so als Kind einen Wikinger vorgestellt hatte. Ehe einer der beiden die erste Frage stellen konnte, sagte er: „Sie kennen die Wahrheit.“ „Noch nicht ganz,“ antwortete Wolfgang. „Aber wir wissen, das Stina Glade in Wirklichkeit Tina Lund heißt.“ „Wir konnten keine Kinder bekommen und meine Frau war so verzweifelt. Das Ehepaar Lund hatten wir ein Jahr zuvor während unseres Urlaubes auf Romo kennengelernt. Auch sie waren in einer verzweifelten Lage. So konnten wir uns gegenseitig helfen.“ „Warum aber haben sie es wie eine Entführung aussehen lassen,“ wollte Kai wissen. „Das fragen sie als Beamter,“ kam die bittere Antwort. „Sie kennen wohl nicht den Leidensweg, den Eltern gehen müssen, wenn sie ein Kind adoptieren wollen. Ich wusste immer, dass es nicht gut geht.“ Die Stimme von Martin Glade war immer schwächer geworden. Er hatte die Augen geschlossen. „Herr Glade, können sie uns hören,“ kam die vorsichtige Frage von Wolfgang. „Er schläft!“ Die Ärztin war ins Zimmer gekommen. „Wir haben ihm ein Schlafmittel gegeben. Er darf noch nicht überanstrengt werden. Ich muss sie bitten, jetzt zu gehen.“ „Selbstverständlich,“ antwortete Wolfgang. „Wissen sie vielleicht, wie es seiner Frau geht.“ „Ich habe vor einer halben Stunde mit meinem Kollegen gesprochen. Sie hat seit gestern Abend kein Wort mehr geredet. Wir hoffen, dass ihr Mann zu ihr durchkommt.“

Wolfgang und Kai verließen das Krankenhaus und fuhren sofort zur Einsatzzentrale.

 Ben, Leonie und Saskia schafften es, die Lunds noch im Eingangsbereich abzufangen. „Herr und Frau Lund?“, fragte Leonie vorsichtig. „Ja?“ Langsam drehte Torben sich um und sein Herz fing an zu rasen, als er die Uniformen erkannte. „Wir sind von der Küstenwache, Stern, meine Kollegen Asmus und Berg. Wir möchten ihnen ein paar Fragen stellen.“ Torben nickte und meinte:“Können wir das in unserem Zimmer besprechen?“ „Aber natürlich“, sagte Ben und sie folgten den Lunds den Gang entlang. Saskia entging nicht, das Lena Lund leicht verkrampft und zittrig nach der Hand ihres Mannes griff.

„Worum geht es denn?“, fragte die junge Frau unsicher. „Ich denke, sie wissen, warum wir hier sind“, antwortete Ben und mit Tränen in den Augen nickte sie. „Es tut mir Leid. Ich wollte nicht, dass irgendwer verletzt wird! Aber ich wollte meine Tochter wiederhaben! Ich kann nicht ohne sie leben!“ Sie schluchzte und Torben legte ihr einen Arm um die Schulter. „Was ist genau auf der Yacht passiert, Frau Lund?“ „Sie wollte mir meine Tochter nicht wiedergeben! Sagten, wir könnten ihr doch gar nichts bieten und bei ihnen wäre sie viel besser aufgehoben! Und dann hat dieser Glade auch noch eine Waffe gezogen....“ Saskia und Leonie tauschten einen überraschten Blick aus, während Lena weitererzählte:“Er wollte mich erschießen, er sagte, wir hätten die Chance, gute Eltern zu sein, verspielt. Als ich mich weigerte zu gehen, hat er mich angegriffen und wir haben um die Waffe gerungen.... und... und dann ist sie plötzlich losgegangen! Es war Notwehr! Genauso wie bei Frau Glades! Sie wollte mich mit einem Küchenmesser abstechen! Ich habe zugeschlagen. Ich hatte riesige Angst, ich wollte doch nur meine Tochter wiederhaben! Und dann bin ich an Deck gegangen, am Heck war Tina und dann ist dieser Mast ausgeschlagen! Ich habe es nicht geschafft, sie mitzunehmen..... Ich habe das alles nicht gewollt, aber.... Sie haben sich aufgeführt, als könnten sie allein über meine Tina bestimmen!“ Bitterlich schluchzend sank ihr Kopf an Thorbens Brust, der versuchte, seine Frau zu beruhigen. „Wir müssen sie aber leider trotzdem mitnehmen, ich hoffe sie verstehen das, Frau Lund“, sagte Saskia und die junge Frau nickte. „Dürfen wir Tina sehen?“, fragte Torben, als sie auf dem Weg zum Auto waren. „Natürlich, aber erst mal fahren wir in die Einsatzzentrale.“ „Ich verstehe. Aber trotzdem danke.“

Gerade als Wolfgang und Kai in der Zentrale eintrafen, war Holger von Leonie informiert worden, dass sie mit den Lunds auf dem Weg waren und dass sie auch schon eine umfassende Aussage bekommen hatten. „Das nenne ich mal gute Nachrichten“, brummte Wolfgang. „Im Moment ist wohl die Aussage von Frau Lund glaubwürdiger als die von den Glades, denn sie haben in vielen Dingen gelogen, oder?“, meinte Kai, nachdem Holger die Einzelheiten bekannt gegeben hatte. „Naja – fragt sich, wo die Waffe ist. Küchenmesser waren doch alle da, oder?“ „Ja. Vielleicht hat sie sie in ihrer Panik ins Meer geworfen.“  Die beiden spekulierten noch ein wenig weiter, während Wolfgang einen Anruf von seinem Handy beantwortete:“ Margitta? Ist etwas passiert?“ „Nein, aber ich muss dir unbedingt etwas erzählen! Du glaubst gar nicht, was ich gerade in der Post gefunden habe!“ „Ein Schreiben vom Anwalt?“ „Nein! Eine Einladung zu Leonies und Bens Hochzeit!“ Wolfgang fiel vor Überraschung die unangezündete Zigarre aus dem Mundwinkel.

Kalle freute sich das Corinna und Saskia mit den Kindern kam. Und er machte sich gleich daran für die Rasselbande Essen zu machen. Corinna wartete darauf dass sich Saskia melden würde. Und dieser Anruf kam ein paar Minuten später. Saskia erzähle ihr was sie von den Lunds erfahren hatte und das sie mit den beiden auf dem Weg zur Zentrale war. „Ok wir sind jetzt bei Kalle. Wenn Holger Stina dazuhaben will dann soll er mich anrufen. Ich werde sie schon mal vorsichtig darauf vorbereiten dass sie ihre Eltern sehen wird.“ „Gut ich werde es deinem Mann sagen. Ich bin ja mal gespannt was Wolfgang und Kai bei den Glades  herausgefunden haben.“ „Ok ich muss zu den Kindern zurück sonst veranstalten sie eine Schlacht mit dem Essen.“ Saskia lachte. „Ok na dann viel Spaß!“

Holger saß im Verhörraum mit Lena Lund die wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl hockte. „Frau Lund, sie haben gesagt dass Herr Glades sie mit einer Waffe bedroht hat. Was war das für eine Waffe?“ „Ein Revolver!“ Sie schien sich sicher zu sein. „Und was ist mit der Waffe passiert? Wir haben keine an Bord gefunden!“ „Ich weiß es nicht –nach dem Schuss habe ich sie einfach losgelassen in Panik. Sie ist dann über den Boden geschlittert – aber wohin das weiß ich nicht. Ich bin nur raus ja und da kam mir seine Frau in die Quere. Sie hatte ein Messer in der Hand und hat damit herumgefuchtelt. Sie hat geschrien dass ich verschwinden soll und das sie Tina nie wieder hergeben wird. Dass sie mich umbringen wird wenn ich versuchen sollte ihr das Kind wegzunehmen. Ich sei es nicht wert ihre Mutter zu sein. Mein Kind!“ Lena brach in Tränen aus. Es tat Holger in der Seele weh. Wie gut konnte er die Frau verstehen, aber er war Polizist. „Und dann?“ „Ich habe mich gegen sie gewehrt – und dann habe ich ihr die Flasche über den Kopf gehauen.“  Holger war aufgestanden. „Wir haben weder die Waffe noch das Messer gefunden. Und Herr Glade sagt etwas vollkommen anderes aus. Wir konnten ihn inzwischen im Krankenhaus vernehmen.“ Lena sah ihn hilfesuchend an. „Aber es war so! Bitte sie müssen mir glauben.“ „Hatten sie vorher Kontakt mit den Glades aufgenommen?“ Lena schüttelte den Kopf. „Mein Mann hatte erfahren dass sie ihr Boot in Emden liegen hatten und wir wussten den Namen. Wir wollten mit ihnen reden aber dann war das Boot plötzlich nicht mehr da. Aber einer in dem Jachtclub hatte mitbekommen das sie nach Fehmarn wollten und so habe ich es da versucht. Und sie hatten inzwischen den Namen des Bootes geändert. Ich hatte Angst das sie ganz verschwinden und wir gar keine Chance mehr haben unsere Tochter zu sehen.“  Holger hörte die Panik aus ihrer Stimme.

Während Holger Lena Lund vernahm war Wolfgang dabei ihren Mann zu vernehmen. „Sie wussten nicht dass ihre Frau die Glades verfolgte?“ Er schüttelte den Kopf.   Thorben Lund war äußerlich vollkommen ruhig. Doch Wolfgang sah die Anspannung in seinen Augen. Der Mann tat ihm leid. „Ich habe zwar selbst keine eigenen Kinder,“ sagte er zu Lund. „Aber ich frage mich, wie man sein eigenes Fleisch und Blut weggeben kann. Zumal Tina schon vier Jahre alt war.“ In Lunds Augen standen Tränen, als er Wolfgang antwortete. „Ich war als Maulwurf im tiefsten Dreck. Sie denken vielleicht zu wissen, wie es im Drogenmilieu zugeht. Aber sie wissen es nicht. Die Drogenbosse gehen über Leichen, genauso wie ihre Opfer. Da spielt das Alter keine Rolle. Man hatte mir gedroht, das Kind zu vergewaltigen und ihm dann eine Heroindosis zu geben. Was sollte ich machen. Wir haben wochenlang in ständiger Angst gelebt. Die Polizei konnte uns nicht schützen. Dann kam uns die Idee mit den Glades. Denken sie etwa, wir wären je über den Verlust von Tina hinweggekommen. Lena ist seit dieser Zeit medikamentenabhängig. Tagsüber Beruhigungstabletten, abends Schlaftabletten. Sie können mir glauben, hätte ich alles vorher gewusst, ich hätte mich nie darauf eingelassen. Ich liebe meine Frau und mein Kind über alles. Doch was haben wir für eine Zukunft.

Wolfgang sah, dass der Mann am Ende seiner Kräfte war. Er stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Frau ins Gefängnis muss. Sie wird sicher mit einer Bewährungsstrafe davon kommen. Sie werden die Möglichkeit haben, ein neues Leben anzufangen. Mit ihrer Tochter.

In der Ostseeklinik war das reinste Chaos. Es hatte auf der A 1 Richtung Fehmarn einen Auffahrunfall gegeben, in den acht Fahrzeuge verwickelt waren. Es gab viele Verletzte und das Personal hatte alle Hände voll zu tun. Keiner achtete auf die blonde Frau, die hastig durch die Gänge lief. Vielleicht hielt man sie auch für eine Angehörige. Auf jeden Fall schaffte es Sybille Glade unbemerkt das Krankenhaus zu verlassen.

Torben nickte nur und fragte:“ Dürfen wir jetzt unsere Tochter sehen?“ „Ich werde mal sehen, wie weit mein Kollege mit der Befragung ihrer Frau ist. Dann werden wir sie zu ihr bringen.“ „Vielen Dank.“

Corinna hatte nach dem Essen mit Stina geredet, während Pia mit den Kleinen nach draußen gegangen war. Das Mädchen drehte ihren Anhänger zwischen den Fingern und fragte:“Und wann kommen sie?“ „Bald. Sie freuen sich schon, dich zu sehen.“ „Dann muss ich nicht zu denen zurück?“ „Nein. Du kommst zu deinen Eltern.“ Stina lächelte glücklich, doch Corinna sah ihr an, dass sie nervös war. Verständlich, nachdem sie die beiden fast 11 Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Holger war mit der Vernehmung von Lena Lund ebenfalls fertig und machte sich mit dem Ehepaar und Saskia auf dem Weg zum Störtebeker.

Wolfgang beobachtete Leonie und Ben, als er wieder im Lageraum war und schließlich kam er zu ihnen herüber und meinte:“Ihr hättet wenigstens einen Ton sagen können.“ „Von was denn?“ „Margitta hat die Einladung im Postkasten gefunden.“ „Was für eine Einladung?“, fragte Leonie verwundert, doch Ben schöpfte einen Verdacht:“Hat sie gesehen, wer sie eingeworfen hat?“ „Ja, eine kleine Frau, die ziemlich glücklich zu sein schien.“ „Meine Mutter! Ich hätte es ahnen müssen, das sie in ihrer Euphorie alles sofort macht....“ „Wolfgang, sag es noch niemandem weiter, ok?“ „Aber klar....“ Doch er ging kurz darauf zum Funkgerät hinüber, wo die beiden ihn nicht hören konnten und rief Kalle an:“Kalle? Ja, hier ist Wolfgang. Sag mal, schaffst du es, bis heute Abend eine kleine Überraschungsfeier zu machen? Den Grund erklär ich dir später. Danke, du bist echt ein Freund!“

Corinna sah, dass Kalle nach seinem Telefonat hektisch anfing, mit Ina zusammen irgendetwas zu überprüfen. Sie ging zum Tresen und fragte:“ Ist was?“ „Wolfgang will heute Abend eine Überraschungsparty machen. Aber ich weiß auch nicht, für wen oder wieso. Er erklärt mir das alles später noch.“

Holger hatte sich entschlossen zusammen mit den Lunds nach Pelzerhaken zu fahren um dabei zu sein wenn sie auf ihre Tochter trafen. Es war seine Entscheidung gewesen und er würde dafür auch die Verantwortung übernehmen. Auch wenn die Psychologin davon abriet. „Ich glaube nicht dass es gut wäre. Es ist eine ziemliche emotionale Belastung für beide Seiten. Ganz abgesehen davon das noch die Glades rechtlich gesehen ihre Eltern sind.“ „Das ist richtig – aber nur eine Frage der Zeit. Und wenn sich Stina – oder Tina immer weiter erinnern wird dann wird es ihr unmöglich sein bei den Glades zu bleiben. Ich denke es ist besser sie zumindest zusammenzubringen. Sie darf nicht das Gefühl haben das sie gezwungen wird bei den Glades zu bleiben.“  Und so saßen er und die Lunds wenig später im Wagen.

Stina war sehr nervös. Es würde nicht mehr lange dauern bis sie ihre Eltern wiedersah – würde sie sie noch erkennen? Und wie würde es sich anfühlen? Und ihr wurde plötzlich klar dass sich ihr Leben vollkommen ändern würde. Sie würde nicht mit den Glades nach Hause – war es überhaupt ihr zu Hause gewesen – zurückkehren. Sie würde ihre Freunde nicht mehr sehen! Musste eine andere Sprachen lernen.  Plötzlich wurde ihr bewusst dass sie ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde.

Corinna hatte sie beobachtet. Obwohl sie ein ganz vernünftiges Mädchen zu sein schien war ihr klar was da auf sie zukam. Sie legte ihren Arm um ihre Schulter. „Stina – wenn du noch warten willst dann brauchst du es nur zu sagen. Ich denke alle werden dafür Verständnis haben.“ Stina sah sie an. „Nein – ich will meine Eltern sehen. Ich muss sie sehen um wirklich zu begreifen das es wahr ist Frau Ehlers.“ „Gut – aber noch eines – verdamme die Glades nicht. Versuche dich an die guten Zeiten mit ihnen zu erinnern.  An das schöne das du bei ihnen erlebt hast. Beide Seiten haben Fehler gemacht – aber beide Seiten haben dich lieb! Auch wenn du es vielleicht im Moment nicht glaubst.“  Stina sah sie offen an. „Sie haben Pia adoptiert – das hat sie mir erzählt  und auch warum. Haben sie sie genauso lieb wie Stella und Finn?“ Corinna verstand ihre Frage. „Ja – ich habe sie vom ersten Moment an geliebt. Weißt du es war eine schlimme Situation als wir uns trafen. Ihre Schwester, die sie sehr geliebt hat kam bei einem Einsatz ums Leben. Und ich konnte sie nicht retten. Sie hätte mir die Schuld geben können – aber sie hat es nicht getan. Ganz im Gegenteil. Und als wir zusammen im Krankenhaus lagen hat sie sich rührend um mich gekümmert. Und von dem Moment an wusste ich das sie zu uns gehört. Seitdem ist sie meine Tochter! Und das wird sie auch immer bleiben.“ Stina nickte.

« Letzte Änderung: 25. Juli 2010, 18:33:58 von Tuffi » Moderator informieren   Gespeichert

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Re: 82. " DAS IST NICHT MEIN LEBEN!"
« Antworten #4 am: 25. Juli 2010, 18:23:37 »

Kapitel 10.
Verzweiflung



Sybille Glade lief verzweifelt durch die Straßen von Neustadt. Wo sollte sie eigentlich hin und fast hatte sie vor? Sie wusste es selbst nicht. Nur, dass sie Stina auf keinen Fall verlieren wollte.

Im Krankenhaus hatte man mittlerweile bemerkt, dass die Frau verschwunden war. Gruber war außer sich vor Wut. Der Polizist, der das Zimmer bewachen sollte, war zum telefonieren nach draußen gegangen, weil er im Krankenhaus keinen Empfang hatte. Zwar hatte der Arzt versichert, dass die Patientin tief und fest geschlafen hätte, aber für Gruber war das keine Entschuldigung. Die Kollegen der Landespolizei waren jetzt unterwegs, um die Frau zu suchen. In ihrem momentanen Zustand war sie unberechenbar.

Noch eine Stunde! Dann würde Stina ihre leiblichen Eltern treffen. Corinna sah den Zwiespalt, der in dem Mädchen tobte. „Sehe ich eigentlich einem von ihnen ähnlich,“ fragte Stina plötzlich. Corinna musste lächeln. „Das kann man wohl sagen. Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.“ „Warum Frau Ehlers?“ „Das sollen deine Eltern dir selbst sagen. Sie hatten gute Gründe und haben es nur zu deinem Wohl und Schutz getan. Und glaube mir, sie haben in den vergangenen Jahren sehr gelitten.“ Nachdenklich blickte Stina aus dem Fenster.

 In der Einsatzzentrale herrschte nun nahezu Hochbetrieb. Gruber kam in den Lageraum und sagte:“Herrschaften, wir müssen jetzt logisch vorgehen! Welche Gründe könnte sie haben, um abzuhauen?“ „Wenn man die Aussage von Frau Lund in den Vordergrund zieht, dann könnte sie vielleicht versuchen, Stina zu entführen oder verhindern, dass die Lunds ihre Tochter sehen“, meinte Kai. „Sie ist psychologisch nicht ganz auf dem Damm, sie bildet sich ein, das Stina ihre Tochter wäre. Das ist eine Störung, die nur sehr schwer behandelt werden kann. Sie hat das Mädchen 11 Jahre lang wie ihr eigenes behandelt, außerdem habe ich nun herausgefunden, dass die Glades doch mal ein eigenes Kind hatten! Es ist im Alter von vier Jahren gestorben. Solche Ereignisse können Störungen dieser Art hervorrufen“, erklärte Leonie, die auf der Kante von Bens Schreibtisch saß. „Aber es gab nirgends einen Eintrag!“, warf Ben verwundert in den Raum. „Er muss also gelöscht worden sein.“

Holger, Saskia und die Lunds waren beim Störtebeker angekommen und Holger schickte Saskia vor, um zu schauen, ob Stina auch wirklich schon bereit war. „Ich schaff das schon“, sagte das junge Mädchen und griff nach Corinnas Hand. Als Holger, gefolgt von Torben und Lena Lund, die Kneipe betrat, stieg die Anspannung bei Stina deutlich. Lena brach vor Freude in Tränen aus, als sie ihre Tochter dort sitzen sah. „Tina“, rief sie, lief auf sie zu und umarmte sie überglücklich. „Ich habe dich so vermisst“, schluchzte sie.

Stina stand einen Moment wie versteinert da als die Frau auf sie zukam. Warum konnte sie sich nicht freuen – warum konnte sie ihr nicht auch um den Hals fallen? Sie war doch ihre Mutter. Lena sah ihre Tochter fragend an. Was hatte sie erwartet. Stina hatte noch immer Corinnas Hand fest umschlungen. Doch jetzt sah sie der Frau in die Augen – ja das waren die Augen ihrer Mutter. Sie konnte sich wieder dran erinnern. Langsam löste sie ihre Hand aus der von Corinna. Und dann stand der Mann neben ihr. Er strich ihr mit der Hand über die Haare. Und sie konnte auch bei ihm die Tränen in den Augen sehen. „Moder – Vader!“ brachte sie leise heraus. Lena konnte es nicht fassen und zog ihre Tochter an sich heran. Holger stand neben Corinna und betrachtete die drei. Sein Herz fühlte mit ihnen. Sie hatten nach so langer Zeit ihr Kind wiedergefunden.  Er griff nach der Hand seiner Frau.  Und als sie sich ansahen erkannte er  dass ihre Augen auch feucht waren.

Sybille Glades war einfach kopflos wegelaufen sie war wie in Trance. Irgendwann stand sie am Straßenrand an einer Haltestelle eines Busses. Und dann sah sie plötzlich einen Wagen vorbeifahren und darin saßen die Lunds! Sie erkannte sie sofort wieder. Zusammen mit einem Beamten der Küstenwache und der Wagen fuhr in Richtung Pelzerhaken. In diesem Moment kam der Bus – ohne weiter nachzudenken stieg sie ein.  Natürlich war der Wagen schneller als der Bus und als sie dann in Pelzerhaken angekommen war hatte sie ihn aus den Augen verloren. Unentschlossen ging sie in Richtung Strand. Und sie hatte Glück – da stand der Wagen auf dem Parkplatz neben einem Minigolfplatz. Sie sah sich um – wo waren die beiden? Was wollten sie hier? Und dann sah sie einen der Beamtenaus einem Lokal kommen. Er wollte wohl eine Zigarette rauchen. Als er sich entfernt hatte lief sie zum Eingang des Lokals. Vorsichtig spähte sie hinein und da sah sie die Lund – und Stina!

„Tina mein Mädchen – es tut mir so leid! Bitte verzeih  mir. Aber wir wussten nicht was wir machen sollten. Wir wollten doch nicht das dir was geschieht. Aber es war ein Fehler – ein fruchtbarer Fehler. Ich habe dich so vermisst!“ Lena hielt sie eng umschlungen. Und inzwischen hatte auch Stina – Tina ihre Arme um ihre leibliche Mutter gelegt.  Sie war noch vollkommen sprachlos. In diesem Moment stürmte Sybille Glades in den Störtebeker! Sie packte Lena Lund und riss sie von Stina weg. „Lass meine Tochter in Ruhe – es ist mein Kind!“ In ihren Augen lag ein gefährlicher Glanz.  

 Zu allem Unglück hatte Kalle schon die Tische eingedeckt. Blitzschnell griff sich Sybille Glade ein Messer und fuchtelte vor Lena herum.

„Bitte Frau Glade, beruhigen sie sich doch,“ versuchte Corinna mit der Frau zu reden.“ „Würden sie ruhig bleiben, wenn man ihnen ihr Kind weg nimmt,“ antwortete die Frau verzweifelt. Es war eine schlimme Situation. Alle Beteiligten fühlten auch mit Sybille Glade. Und mittendrin Tina. Was für ein Unglück!

Hilfe kam unerwartet von Hermann Gruber, der gerade beim Störtebeker eingetroffen war. „Ich denke,“ sagte er, „wir sollten doch alle im Interesse des Kindes versuchen, eine gütliche Regelung zu erlangen. Das geht aber nur, wenn hier jeder vernünftig ist. Ich persönlich sehe keinen Grund, warum der Kontakt zu ihnen abbrechen soll. Immerhin waren sie in den letzten 11 Jahren Tinas Mutter und vermutlich eine sehr gute. Stimmt das Tina?“ Mit Tränen in den Augen nickte das Mädchen und wandte sich an ihre Adoptivmutter: „Du warst mir mehr als eine gute Mutter und ich werde dich immer lieb haben.“ Weinend ließ Sybille Glade das Messer sinken und Holger nahm es ihr vorsichtig aus der Hand.

Mit wütender Miene sah Lena Lund, wie ihre Tochter die andere Frau umarmte. Doch Torben hielt sie zurück. „Herr Gruber hat recht. Wenn die rechtliche Seite geklärt ist, müssen wir zum Wohl von Tina entscheiden. Wir können die 11 Jahre und was wir getan haben, nicht einfach wegwischen.“ Lena sah ihn mit großen Augen an, doch dann nickte sie stumm.

 Lena ging zu Sybille und sagte:“Es tut mir alles so leid, Frau Glade, und....“ „Nein... ich und mein Mann müssen uns entschuldigen.... wir haben überhaupt nicht mit uns reden lassen....“ „Heißt das, dass sie die Aussage von Frau Lund, nach der alles nur in Notwehr passierte, bestätigen?“, fragte Holger und Sybille nickte:“Es tut mir Leid.... Mein Mann hat völlig die Nerven verloren und.... er hat mir eingeredet, das wir mit Stina wegmüssen.... Er hat sich in letzter Zeit so seltsam benommen und dann wollte er mit uns nach Finnland....“
Kalle kam mit einer Flasche Küstennebel und einigen Gläsern an. „Hilft gegen den Schock“, sagte er und reichte den Erwachsenen jeweils ein Glas. „Ich hoffe, sie kommen heute Abend, Kapitän!“, flüsterte er Holger im vorbeigehen ins Ohr.

Ben telefonierte aufgeregt mit seiner Mutter und versuchte herauszufinden, warum sie einfach die Karten verteilt hatte, ohne ihnen auch nur Bescheid zu geben. „Könntest du mir das erklären? Wir hatten abgemacht: morgen!“

In dem ganzen Tumult nachdem Frau Glade eingelenkt hatte achtete niemand auch Corinna. Ganz offensichtlich war ihr die Situation ziemlich an die Nieren gegangen. Schweigend hatte sie sich zurückgezogen und hatte den Störtebeker verlassen. Mit langsamen Schritten war sie in Richtung Seebrücke gegangen. Der Strand war leer und auch auf der Seebrücke war kein Mensch zu sehen. Langsam kehrte wieder Ruhe ein, die meisten der Strandbesucher waren schon wieder zu Hause oder in den Lokalen. Sie atmete tief durch. Was für ein menschliches Drama.

Es dauerte eine Weile bevor Holger bemerkte dass Corinna nicht da war. „Pia – weißt du wo Corinna ist?“ „Nein, ich dachte sie sein vielleicht zur Toilette. Soll ich sie suchen?“ „Nein ich mache das schon.“ Er nickte ihr zu und verließ das Lokal, sah sich kurz um und dann entdeckte er sie auf der Seebrücke. „Na das hätte ich mir auch denken könne.“ Meinte er und ging mit schnellen Schritten dorthin. Als er bei ihr war legte er seinen Arm um sie. „Alle OK?“ Corinna drehte sich um und sah ihn mit ihren smaragdgrünen Augen an. „Ach Holger – eigentlich habe wir es doch gut! Wir haben uns – wir haben die Kinder und sind glücklich. Wenn ich sehe wie da zwei Familien versuchen müssen  einen Scherbenhaufen zu kitten.“ Sie lehnte sich an ihn und Holger fühlte wieder einmal wie sehr er sie liebte. „Ja wir haben viel Glück gehabt. Aber auch wir haben hart an all dem arbeiten müssen. Und es war gut dass wir es getan haben! Ich kann mir ein Leben ohne dich und die  Kinder nicht mehr vorstellen. Und ich hoffe und wünsche dass die beiden Familien einen Weg finden wie sie es zusammen schaffen.  Vor allem für Stina. Irgendwie erinnert sie mich an Pia. Auch sie hat mitten in ihrem jungen Leben die Familie getauscht.“ „Ja aber sie wollte es auch. Und sie wurde von ihrer Mutter nie so geliebt. Ihre Mutter hat nie um sie gekämpft – sie war ihr egal. Sie hat doch nie wieder den Kontakt gesucht. Und sie hat es sogar versucht zu verhindern dass sie ihre Halbgeschwister sieht.“ „Ja das stimmt. – Sie ist unsere Tochter! Und das sieht sie auch genauso.“

Gruber hatte es übernommen die Lunds und Sybille Glade wieder in die Zentrale zu bringen. Es musste noch einiges geklärt werden und Vernehmungen und Protokolle erstellt werden. Da er weder Holger Ehlers noch dessen Frau sah fragte er Pia. „Kann Stina noch bei euch bleiben bis alles geklärt ist?“ „Ich denke doch, Herr Gruber.“ „Gut dann fahre ich jetzt. Vielleicht sehen wir uns ja noch später.“ Meinte er mit einem schelmischen Grinsen. Pia verstand zwar nichts aber nickte. Dann hielt sie Ausschau nach Holger und Corinna. Wenig später kamen die beiden Arm in Arm von der Seebrücke her zurück. Pia lächelte. So glücklich wie die beiden wollten sie später auch einmal werden.  

 Wolfgang war noch im Störtebeker geblieben. Er hatte Dienstschluss und Kalle stellte ihm ein kühles Bier hin. "Da habe ich mich schon den ganzen Tag drauf gefreut," grinste Wolfgang ihn an und genehmigte sich einen tiefen Schluck. "Das sieht man. Du hast ja fast mit einem Zug das Glas ausgetrunken. Wie ist denn bei euch die Lage. Hat dein Vorgänger nochmal Schwierigkeiten gemacht?" "Im Moment ist alles ruhig. Ich hoffe sehr, dass es so bleibt. Der Mann ist schließlich kein Dummkopf. Hoffentlich verliebt er sich schnell neu, damit Margitta ihre Ruhe hat."


Kapitel 11.
Durchgedreht


Doch der Schein trog. Margitta war schon das fünfte Mal in Folge ans Telefon gerannt. Jedenfalls hörte sie dass jemand am anderen Ende der Leitung war, aber es kam keine Antwort. Langsam wurde es ihr zu bunt. "Dirk. Ich bin mir sicher, dass du das wieder bist. Langsam reicht es mir. Wenn du nicht bald aufhörst, zeige ich dich an." "Das würde ich dir nicht empfehlen. Ich kann auch anders," kam die wütende Antwort. Margitta knallte den Hörer auf. Hoffentlich kam Wolfgang bald.

Kalle nickte und fragte dann:“Sag mal.... das mit der kleinen Überraschungsfeier ist klar. Erfahre ich jetzt, worum es geht?“ „Wir haben heute eine Karte bekommen, es gibt jetzt einen Hochzeitstermin von Ben und Leonie.“ „Ah.... na, wenigstens eine gute Nachricht, oder?“ „Das kuriose ist, das sie es selber noch nicht mal wussten.“ Kalle grinste und machte sich und Wolfgang noch ein Bier, als Wolfgangs Handy klingelte. „Ja? Margitta, ist etwas passiert? Du weinst doch nicht etwa, oder?“ „Wolfgang, er betreibt Telefonterror, ich weiß nicht mehr weiter.....“ „Ich komme sofort nach Hause mein Schatz! Ich bin gleich da!“ Er wollte Kalle bezahlen, doch der winkte ab und sagte:“Geht aufs Haus, hau schon ab, deine Frau ist jetzt wichtiger!“

Bens Mutter saß bei Ben und Leonie auf dem Balkon und musste sich eine heftige Standpauke von ihrem Sohn anhören. „Du hast das volle Chaos angerichtet Mutter. Das du aber auch nicht warten konntest. Es war abgemacht dass du erst Morgen die Karten verteilst. Dann hätten wir das Wochenende nich gehabt.“ „Aber Junge – ich habe mich doch nur so für euch gefreut und eure Freunde und Kollegen tun das bestimmt auch. Und es ist doch nicht mehr so viel Zeit um alles vorzubereiten. Ihr müsst doch auch noch euer Trauzeugen bestimmen, die Trauung anmelden und beim Pastor den Termin festmachen. Da braucht ihr doch Hilfe!“ Leonie und Ben sahen sich an.  Pastor – das war das Stichwort. Darüber hatten sie noch gar nicht gesprochen.

Margitta war am Rande ihrer Nervenkraft sie saß wie ein Häufchen Elend am Küchentisch und weinte als Wolfgang nach Hause kam. Die Mädchen hatten vergeblich versucht sie zu beruhigen. Jetzt waren alle gegen ihren Vater aufgebracht. „Ich kann ihn nicht verstehen, warum macht er sowas? Es war doch soweit alles ok, er konnte uns doch immer sehen wenn er wollte.“ Wolfgang musste sich stark zurückhalten um nicht zu explodieren.  Als erstes nahm er Margitta in den Arm und drückte sie am sich. Dann meinte er so ruhig wie es ging: „Ich denke du solltest bei deinen Schwiegereltern anrufen und ihnen sagen was sich hier abspielt. Wenn sie es auch nicht schaffen ihm ins Gewissen zu reden dann müssen wir Anzeige erstatten und du solltest auch erwägen eine einstweilige Verfügung gegen ihn zu erwirken. Wir werden gleich Morgen zu deinem Anwalt fahren! Jetzt muss Schluss sein!“ Selbst Fiona und Diana nickten.

Im Kapitänshaus war wieder die gewohnte Routine eingetreten. Auch dort hatte man jetzt die Karte gefunden mit dem Termin für die Hochzeit von Ben und Leonie. „Na dass es so schnell gehen würde hätte ich nicht gedacht. Jetzt verstehe ich auch was Kalle meinte. Er und Wolfgang haben wohl eine kleine Überraschungsparty organisiert für die beiden. Sollen wir hin?“ Holger sah Corinna an.

"Natürlich. Wieso nicht?" "Ich dachte nur, wir haben so wenig Zeit zusammen." Corinna grinste Holger frech an und sagte: "Na, wird mein starker Mann auf einmal sentimental." Holger zog Corinna auf seinen Schoß. "Wäre das sehr schlimm?" "Na ja, solange du nicht in Tränen ausbrichst, wenn die ALBATROS ablegt." Beide brachen in schallendes Gelächter aus. Pia, die gerade die Treppe herunter kam, blieb stehen. Sie überlegte kurz und ging wieder nach oben. Da waren zwei offenbar sehr glücklich und da wollte sie nicht stören.

Wolfgang hatte es geschafft, Margitta zu beruhigen. Doch in ihm tobte nur so die Wut. Er konnte nicht sehen, wenn seine Frau weinte. Am liebsten hätte er diesem Dirk jeden Knochen gebrochen. Das Klingeln vom Telefon riss ihn aus seinen Mordgedanken. Es war Saskia Berg. "Wolfgang. Wir sollen in einer Stunde in der Einsatzzentrale sein. Befehl von Gruber. Es geht um die Abschlussbesprechung des Falls. Ich kann Kapitän Ehlers nicht erreichen. Offensichtlich hat er sein Handy ausgeschaltet." "Ich glaube Fiona hat die Handynummer von Pia. Sie kann ihr eine SMS schreiben." "Gut. Dann bis später."

Holger Ehlers hatte wirklich sein Handy ausgeschaltet. Obwohl das eigentlich nicht sein durfte. Pia war mit den Kleinen zum Spielplatz. Im Hause Ehlers war nicht oft sturmfrei, wenn beide zu Hause waren. Deshalb musste das ausgenutzt werden.

Pia war auf dem Weg zum Strandspielplatz, als die SMS von Fiona kam. Jetzt stand sie unschlüssig auf den Dünensteg. Was sollte sie machen? Zurückgehen wollte sie nicht. Außerdem waren die kleinen Racker schon vorgelaufen. Kurzentschlossen sendete sie die SMS auf das Handy ihrer Mutter.

„Was habt ihr denn?“, fragte Bens Mutter und Ben antwortete:“Da haben wir noch gar nicht nachgedacht – über eine kirchliche Trauung, meine ich....“ Sie wurden durch das Klingeln des Telefons unterbrochen und Leonie verschwand in der Wohnung, um den Anruf anzunehmen. „Hast du denn den Anzug noch, den von Luisas Hochzeit?“ „Ja. Aber diesmal trage ich keine verdammte Fliege!“ „Schade. Aber von einer Sache lasse ich mich nicht abhalten: Mit Leonie zusammen ein Kleid aussuchen gehen!“ Leonie hatte das mitbekommen und meinte lächelnd:“Das kannst du ja auch. Ben, das war Saskia, wir sollen in einer Stunde nochmal in die Einsatzzentrale kommen, Gruber will unbedingt noch eine Abschlussbesprechung machen.“ „Oh man, warum kann das denn nicht bis morgen warten?!“ „Keine Ahnung. Aber was sein muss, muss wohl sein. Aber bald ist ja Wochenende.“ „Ja. Mama, tu sowas nie wieder, versprochen?“ „Du weißt, das kann ich nicht. Also, wann wollen wir denn nach einem Kleid schauen, ich kenne da einen Brautmodenladen, da finden wir bestimmt das richtige für dich!“ „Ich weiß nicht. Ich werde Saskia fragen, wann sie Zeit hat.“

Corinna löste sich wiederwillig von Holger, als sie ihr Handy piepsen hörte. „Eine SMS von Pia. Hermann will uns in einer Stunde in der Zentrale zu einer Abschlussbesprechung sehen.“ „Selbst auf Entfernung schafft er es, einem den Feierabend zu vermiesen“, maulte Holger und Corinna strich ihm durch die Haare. „Ach komm, eine Stunde haben wir wenigstens noch.“


Hermann Gruber hatte in der Zentrale alles soweit er konnte in die Wege geleitet. Nachdem klar war das Lena Lund wirklich in Notwehr gehandelt hatte waren die Vorwürfe gegen sie abgeschwächt worden. Das Jugendamt und die Psychologin  hatten den beiden Familien einen Vorschlag gemacht wie es nun weitergehen sollte. Als dann eine Stunde später alle im Besprechungsraum versammelt waren gab er den Anwesenden einen Überblick.

„Die Staatsanwaltschaft wird zwar Ermittlungen einleiten aber auch von dort kommt ein Signal das es für die beiden Familien glimpflich ausgehen wird. Und das Jugendamt wird sich mit ihnen zusammensetzten um eine endgültige Lösung für Stina zu finden. Thorben Lund hat angedeutet dass er und seine Frau darüber nachdenken nach Deutschland zu ziehen und eine neue Identität anzunehmen. Damit wären sie den Druck los und die Gefahr und können zusammen mit ihrer Tochter neu Anfangen. Es bliebe allerdings ein kleines Problem – bis das gelöst ist könnte es noch zwei drei Tage dauern“ Er sah Holger und Corinna an. „Das Jugendamt hat die Frage ob sie Stina solange bei sich behalten könnten. Damit sie nicht wieder herausgerissen wird.“ Die beiden brauchten sich nur anzusehen und dann nickten sie. „Selbstverständlich kann sie noch ein bisschen bei uns bleiben, Hermann. Ich nehme ein paar Tage frei und kümmere mich darum.“ „Danke – das ist sehr gut. Na dann hat sich das hier doch noch zum Guten gewendet. Und darauf möchte ich mit ihnen allen anstoßen!“ Er zwinkerte Wolfgang Unterbaur zu. „Sagen wir um 20. 00 Uhr bei Kalle! Natürlich mit ihren Partnern.“

Während der Besprechung blickte Holger immer wieder zu Wolfgang. Er sah, dass seinen Freund etwas bedrückte, was ihn aber auch gleichzeitig wütend machte. Er konnte sich denken, was bzw. wer es war. Als sie zusammen die Zentrale verließen, fragte Holger: „Was ist los Wolfgang? Habt ihr wieder Stress mit Margittas Ex-Mann?“ Wolfgang nickte. „Zwar nur am Telefon, aber Margitta ist langsam mit ihren Nerven am Ende. Sie hatte einen richtigen Weinkrampf. Ich würde diesem Kerl am liebsten alle Knochen brechen.“ „Sie muss endlich etwas unternehmen.“ „Ja. Das habe ich ihr auch gesagt. Kommt ihr auch ins Störtebeker?“ „Natürlich. Ich weiß nur noch nicht genau wann. Wir müssen das erst einmal mit Stina klären.“

Als Wolfgang nach Hause kam, saß Elin auf der Treppe. „Wo ist deine Mutter,“ fragte er. „Einkaufen gefahren. Ich habe in der Zwischenzeit Oma und Opa in Hannover angerufen. Sie werden mit Papa reden. Wolfgang, meinst du, er wäre verrückt geworden?“ Wolfgang sah den sorgenvollen Blick des Mädchens und setzte sich neben sie. „Ich glaube eher, er ist verrückt nach deiner Mutter. Nur hat er das zu spät gemerkt. Es gibt Leute, die werden seltsam, wenn ihre Gefühle nicht erwidert werden. Aber sag mal, weiß deine Mutter, dass du angerufen hast?“ Elin schüttelte den Kopf. „Nein. Aber sie hätte es doch sowieso wieder nicht gemacht. Da kommt sie.“ Elin hakte sich bei Wolfgang unter. „Sagst du es ihr.“ Wolfgang musste grinsen. „Was ist denn jetzt los? Du bist doch sonst kein Hasenfuß. Aber gut, ich rede mit ihr.“ Schnell verschwand Elin im Haus.

Corinna und Holger waren auf direktem Weg nach Hause gefahren um mit Stina zu reden. Und wie Corinna es erwartet hatte war sie sehr verständnisvoll. „Ich kann mir vorstellen dass es für uns alle nicht einfach sein wird. Aber ich bin auch froh wenn die Glades nicht aus meinem Leben verschwinden. Es waren meine Eltern – und sie waren gute Eltern. Nur in der letzten Zeit waren sie so komisch.“  Sie senkte den Blick. „Vielleicht können wir ja in der Nähe wohnen so dass ich sie sehen kann. Und meine wirklichen Eltern muss ich ja auch erste Mal kennenlernen – wieder kennenlernen.“ „Du bist ein sehr verständiges Mädchen Stina – und bist du auch einverstanden wenn du noch einige Zeit hier bei uns bleibst bis zwischen deinen Eltern und den Glades alles geklärt ist?“ Stina lächelte. „Oh ja ich würde gerne noch hierbleiben, wenn ich darf!“ Holger lachte. „Na klar darfst du! Du bist uns willkommen!“ Corinna nahm Stina in den Arm. „Ich könnte es nicht besser sagen.“

Im Hause Unterbaur war es nicht ganz so harmonisch. Wolfgang hatte Margitta vorsichtig beigebracht das Elin ihre Schwiegereltern angerufen hatte um bei ihnen Hilfe zu suchen gegen ihren Vater. Aber anstatt wütend zu werden umarmte sie Elin. „Es ist nett von dir dass du mir helfen wolltest Elin, aber es wäre besser gewesen wenn ich es gemacht hätte.“ „Nun ist ja auch egal wer sie angerufen hat. Sie wissen jetzt Bescheid und wenn auch sie nichts erreichen dann werden wir etwas unternehmen müssen. Aber jetzt lassen wir das erst mal. Wir sind bei Kalle verabredet für eine Überraschungsparty für Ben und Leonie. Ich denke das wird uns ein bisschen ablenken.“ Er sah Margitta an – ganz offensichtlich hatte sie nicht viel Lust aber sie nickte. „Ok.“
Wolfgang war erleichtert.

Kalle hatte alles vorbereitet für die Party. Alle Tische waren schön gedeckt, in der Küche war das Essen vorbereite worden und der Sekt stand kalt. Jeden Moment mussten die anderen kommen.
Er freue sich auf die Gesichter von Ben und Leonie wenn sie begriffen dass die Party für sie war. Eine neue Hochzeit bei den ehemaligen Kollegen. Und nun musste er wieder an  Ina und sich denken. Ob er es noch einmal probieren sollte? Er sah Ina von der Seite an. Wie würde sie auf einen Antrag reagieren?  

Margitta und Wolfgang waren die ersten, die im Störtebeker ankamen. „Moin Kalle, sind wir zu früh?“ „Nein, genau pünktlich! Es ist alles vorbereitet!“ „Ich bin schon gespannt, wie die beiden reagieren....“

Es dauerte nicht lange, bis auch Holger, Corinna, Saskia und Thure eintrafen. „Das sieht aber nett aus, Kalle“, meinte Corinna. „Wie geht es Stina?“ „Gut, sie freut sich, noch ein bisschen hierbleiben zu dürfen. Und sie hat gefragt, wann du sie besuchen kannst.“

Elin und Till waren alleine zu Hause. Sie schauten sich gemeinsam einen Film an, während Elins Schwestern bei Freundinnen übernachteten. Sie bemerkten nicht den Mietwagen vor dem Haus.

Dirk Marx beobachtete durch ein Fernglas das Haus. Der Anruf von Elin bei seinen Eltern und deren Beschwichtigungen hatten ihn nur noch rasender gemacht. Margittas Drohungen mit einer Anzeige hatten ihn nicht im Geringsten abgeschreckt oder beeinflusst.

Inzwischen waren alle im Störtebeker eingetroffen, nur Leonie und Ben waren noch nicht da. Sie hatten extra eine falsche Uhrzeit bekommen, 10 Minuten später. So hatten die anderen noch genug Zeit, ein paar Dinge vorzubereiten.

Im Störtebeker war schon eine sehr ausgelassene Stimmung. Alle freuten sich auf Ben und Leonie und hofften sehr, dass keiner der beiden etwas bemerkt hatte. Nur Margitta stand etwas abseits und hatte die Stirn grübelnd in Falten gezogen. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie erschreckte, als Corinna ihr plötzlich die Hand auf den Arm legte. "Was ist los Margitta? Dich beschäftigt doch was. Machst du dir noch immer Sorgen wegen deinem Ex-Mann?" Margitta nickte. "Manchmal denke ich, dass ist nicht der Mann, mit dem ich so lange verheiratet war. Ich verstehe das alles nicht."

An der Theke standen Holger und Wolfgang. "Margitta sieht nicht besonders glücklich aus. Sie scheint sich Sorgen zu machen." "Elin ist alleine mit Till zu Hause. Aber Till wird spätestens um 22 Uhr nach Hause müssen. Diana und Fiona schlafen bei ihren Freundinnen in Sierksdorf." "Dann ruft sie an, dass Till sie zum Störtebeker bringt. Sie kann Kalle hinter der Theke helfen. Das wird ihr Spaß machen und dann ist sie beschäftigt."

Die gleiche Idee hatte auch Corinna gehabt. Als Wolfgang mit Holgers Vorschlag kam, mussten die beiden Frauen lachen. "Das nenne ich doch telepathische Verbindung," sagte Margitta. "Aber der Vorschlag ist gut. Ich rufe sie an."

Elin und Till hatten die Musik so laut, dass sie kein Telefon hörten.
"Sie meldet sich nicht am Festnetz und ihr Handy ist ausgeschaltet. Ich gehe schnell nach Hause." "Lass mich das machen," bat Wolfgang. "Nein. Ich gehe selbst. Dann kann ich noch schnell die Spülmaschine ausräumen. Du weißt, wie sehr ich die Arbeit nach dem Aufstehen hasse." Wolfgang grinste und sagte zu Holger. "Du müsstest sie mal erleben. Wie ein wütender Gartenzwerg hüpft sie durch die Küche und schimpft." "Warum machst du es dann nicht," fragte Holger. "Weil ich die Arbeit auch nicht mag." Margitta drückte Wolfgang einen Kuss auf die Wange und war auch schon verschwunden.

Dirk Marx hatte den Wagen verlassen und sich an das Haus herangepirscht. Die Wut auf das Glück das seine Familie und vor allem Margitta bei diesem Wolfgang gefunden hatte war übermächtig geworden. Es war als würde es in ihm wie Feuer brennen. Und er wollte dieses Feuer löschen – koste es was es wolle. Und so hatte er seinen Entschluss gefasst. Die Gelegenheit war günstig – Elin war mit diesem Jungen alleine im Haus. Der war bestimmt kein großes Hindernis und wenn er erst mal Elin hatte dann würde Margitta auch kommen! Sie würde alles tun um sie wiederzubekommen.

Corinna hatte gesehen wie Margitta gegangen war aber ihr war bei der Sache nicht ganz wohl. Sie hatte da so ein dummes Gefühl im Bauch. Kurzentschlossen flüsterte sie Saskia zu das sie hinter Margitta hergehen wollte um zu sehen ob alles in Ordnung ist. „Bevor ich das Holger erklärt habe dauert es zu lange. Wenn nichts ist dann muss er auch nichts wissen. Und ich fühle mich besser wenn ich dem nachgehen.“ „Ok soll ich mitkommen?“ „Nein ich denke das geht auch so. Lenk ihn ein bisschen ab dann fällt es nicht auf das ich weg bin. Dauert  bestimmt nicht lange.“ „Ok mach ich!“ Und dann ließ Corinna auch schon los.

Elin zuckte zusammen als ihren Vater plötzlich im Wohnzimmer stand. „Papa  - was willst du hier? Du verschwindest sofort wieder. Mama hat doch deutlich gesagt das sie dich anzeigt wenn du nicht ruhe gibst! Und wir wollen dich nicht sehen! Hau ab!“ Dirk Marx trat vor seine Tochter und hob die Hand zum Schlag. „So kannst du nicht mit mir reden – nicht mit mir!“ Er wollte zuschlagen aber Till warf sich dazwischen und er bekam den harten Schlag an. Elin schrie auf. „Till!“ Dann fuhr sie herum und ihre Augen funkelten gefährlich als sie ihren Vater anschrie. „Verschwinde oder ich schrei die ganze Nachbarschaft zusammen. Dann rufen sie die Polizei und du wirst festgenommen – dann kommst du ins Gefängnis!“ Sie beugte sich über Till der benommen am Boden lag.

Genau in diesem Moment kam Margitta herein. „Oh mein Gott – Dirk was hast du gemacht? Bist du vollkommen verrückt geworden? Du wolltest deine Tochter schlagen! Ich hasse dich – verschwinde oder ich ruf die Polizei!“ Sie wollte ihr Handy zücken doch Dirk war schneller und schlug es ihr aus der Hand. Dann packte er sie an den Oberarmen und zerrte sie zur Tür. „Du gehörst zu mir! Nicht zu diesem komischen Typen. Du bist meine Frau und das sind meine Kinder!“ Seine Stimme war kurz vor dem umkippen. Margitta erstarrte vor Angst vor dem Mann den sie mal geliebt hatte. „Elin – Lauf los lauf weg! Ruf Wolfgang!“ Dirk wollte nach ihr greifen doch da bekam er einen unglaublich harten Schlag in den Rücken. Corinna war genau im richtigen Moment gekommen. Ihr Bauchgefühl hatte sie mal wieder nicht betrogen. Noch bevor Dirk überhaupt wusste was los war wurde er von Margitta weggerissen und halb durch den Raum geschleudert. Erst jetzt sah er seinen Angreifer – eine Frau. Er rappelte sich wieder auf – dachte das er mit der schon fertig werden würde und ging auf sie los. Doch Corinna hatte keine Lust auf Spielchen. In ihren Augen lag eine Eiseskälte  als sie aus dem Stand herumwirbelte und ihn mit dem ausgestreckten Bein umsäbelte. Diesmal ließ sie ihm keine Zeit auch nur wieder Luft zu schnappen. Sie war sofort über ihm, packte seine Arme und drückte sie hinter seinem Rücken zusammen und hockte sich dann mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn. „Margitta – gib mir einen Strick oder eine Kordel damit ich ihn verschnüren kann bevor er noch Unheil anrichten kann.“ Margitta stand wie erstarrt da und so war es Elin die eine Wäscheleine holte mit der Corinna Dirk Marx dann fesselte. Er wand sich und fluchte. Doch dann war er verschnürt und lag  am Boden.

Margitta war weinend auf das Sofa gesunken und Corinna ging zu ihr, sie nahm sie in die Arme. „Komm schon es ist alles OK – es ist nichts Schlimmes passiert. Wir rufen jetzt erst die Polizei und den Krankenwagen für Till und dann Wolfgang an. Jetzt ist es vorbei – er wird psychiatrisch untersucht werden und ich denke dann muss er eine Therapie machen. Vielleicht hat er ja Glück und wird wieder normal. Aber euch kann er nichts mehr tun!“ Margitta schluchzte. „Wie konnte er so ausrasten? Er wollte Elin schlagen! Er hat seine Kinder doch noch nie geschlagen. Ich verstehe das nicht.“

In Kalles Kneipe waren inzwischen auch Leonie und Ben angekommen und worden mit einem großen Hallo begrüßt. Erst jetzt fiel auf das auch Corinna nicht da war. Holger sah sich um. In diesem Moment klingelte das Handy von Wolfgang. Als er sich meldete wurde er von einer Sekunde zur anderen kreidebleich. „Was ist los?“ „Das war Elin. Ihr Vater hat sie und Till überfallen und den Jungen geschlagen. Margitta ist dazugekommen und da wollte er sie entführen. Gott sei Dank ist Corinna ihr gefolgt und hat ihn stoppen können. Sie haben die Polizei und den Notarzt gerufen.“ Holger zuckte zusammen. „Ist jemand verletzt?“ „Der Junge!“ „Los wir laufen sofort hin.“  Und ohne ein weiteres Wort rannten sie los. Alle sahen erstaunt hinter ihnen her.

 Till wurde am Krankenwagen vom Notarzt untersucht, als Holger und Wolfgang angelaufen kamen. Corinna kam mit Margitta aus dem Haus, sie hatte einen Arm um ihre beste Freundin gelegt. Dirk Marx wurde von zwei Polizisten abgeführt. Er brüllte wütend herum und drohte Margitta. Viele Nachbarn blickten neugierig aus ihren Fenstern, doch das war im Moment allen egal. Wolfgang schloss Margitta in seine Arme und sie fing wieder an, bitterlich zu weinen. „Schon gut, Liebes. Es ist alles wieder in Ordnung. Er wird dir nie wieder etwas tun können!“
Corinna und Holger gingen hinüber zu Till und Elin. „Wie geht es dir, Till?“, fragte Corinna. „Ein bisschen Kopfschmerzen, aber ansonsten geht’s.“ Elin sah dem Streifenwagen hinterher, in dem ihr Vater saß und sagte niedergeschlagen:“Ich hätte nie gedacht, das er zu so etwas fähig wäre!“ „Ich glaube, damit hat keiner wirklich gerechnet!“, antwortete Holger.

„Hoffentlich ist da alles in Ordnung“, sagte Leonie besorgt. Alle zurückgebliebenen saßen an einem der Tische und warteten darauf, dass jemand ihnen mitteilte, was passiert war. „Also, so habe ich mir den Abend nicht vorgestellt“, brummelte Kalle und  verteilte noch eine Runde Getränke.

Holger und Corinna waren zurück ins Störtebeker. Doch vorher hatten sie noch Fiona und Diana in Sierksdorf abgeholt. Es war wichtig für Margitta und Elin, dass die Familie vollständig war. Die Mädchen hatten Elin in ihre Mitte genommen. Ihre Gesichter spiegelten eine Mischung aus Entsetzen und Wut wieder. Nie hätten sie gedacht, dass ihr Vater so weit gehen könnte. Margitta lag noch immer in Wolfgangs Armen. Doch ihr Weinen hatte aufgehört. Stumm starrte sie in eine Ecke, als könnte sie dort die Erklärung für alles finden.

"Was geschieht jetzt mit ihm," fragte Fiona. "Kommt er ins Gefängnis." Wolfgang schüttelte den Kopf. "Ich denke nicht. Er ist krank. Die Eltern von Till wollen ihn anzeigen, aber ich habe sie gebeten, die Sache nochmal zu durchdenken. Verstehen könnte ich es schon, aber was würde es nützen. Ich bin sicher, mit der richtigen Therapie kann er wieder geheilt werden." "Er war doch immer ein guter Vater," sagte jetzt Diana. "Schuld hat nur diese blöde Ziege, die ihn uns weggenommen hat." "Ich will ihn niemals mehr in meinem Leben wiedersehen," fuhr Elin wütend dazwischen. "Was er getan hat, verzeihe ich ihm nie." "Wir werden sehen." Wolfgang streichelte zärtlich Margittas lange Locken und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Für einen kleinen Moment erschien ein schwaches Lächeln auf ihrem Gesicht. Doch nach wie vor schwieg sie. Wolfgang machte sich große Sorgen.

Im Störtebeker herrschte bedrücktes Schweigen, als Corinna und Holger ihre Erzählungen beendet hatten. "Der Typ gehört hinter Gitter," schimpfte Kalle. "Was ist mit dem Jungen?" "Er hat nur leichte Prellungen," erklärte Corinna. "Außerdem sieht er sich ein bisschen als Held. Das kann er auch. Es war sehr mutig, wie er sich gegen Elins Vater gestellt hat. Die größten Gedanken mache ich mir um Margitta. Ich werde morgen mit Hermann reden, dass er Wolfgang für ein paar Tage frei gibt. Es wäre nicht gut, sie jetzt alleine zu lassen." Holger war damit einverstanden. "Überstunden hat von uns ohnehin jeder mehr als genug." Dann wandte Corinna sich an das junge Paar, dem der Abend eigentlich gewidmet war. "Es tut mir leid," sagte sie. "So hatte Wolfgang die Überraschung nicht geplant."

"Ich habe eine Idee", grinste Ben spitzbübisch. "Wir machen einfach eine neue Feier. Oder besser noch, wir machen zwei. Heute Abend und die nächste, wenn Wolfgang und seine Frau dabei sein können. Ich finde sowieso, feiern kann man nicht genug." "Die Unbeschwertheit der Jugend," lachte Holger. "Aber die Idee ist nicht schlecht."

Corinna sah Holger an und lächelte - sie fand dass ihr Mann es auf den Punkt gebracht hatte. Eine Feier sollte keinen so dunklen Hintergrund haben - sie sollte fröhlich und unbeschwert sein. Und so wurde es an diesem Abend eine eher ruhige kleine Feier bei der man mit dem jungen Paar darüber sprach wie sie sich die Hochzeit vorstellten. Und als sich die Freude dann trennten fuhren Holger und Corinna sehr nachdenklich heim.

"Es war richtig von dir hinter Margitta her zu gehen. Deine Gefühle haben dich mal wieder nicht getrogen. Aber ich hätte mir gewünscht dass du mit Bescheid sagst." "Du hättest dir nur Sorgen gemacht Holger - und es musste schnell gehen." Sie sah ihn an. "Ich frage mich wie jemand so umkippen kann! Er war wie rasend! Er hätte es tatsächlich fertig gebracht Margitta zu schlagen oder weg zu schleppen. Unglaublich!" "Hm - ich denke das ist eine Sache die sich aufgebaut hat. Er hat langsam begriffen dass er Margitta doch sehr geliebt hat. Ja und dann kam eines nach dem anderen. Margitta hat wieder einen Mann gefunden den sie liebt - die Mädchen lieben Wolfgang auch und seine neue Beziehung ist kaputtgegangen. Er hat das Gefühl alles verloren zu haben!" Holger bemerkte wieder dieses auf blitzen in ihren Augen das er schon kannte. "Würdest du auch so ausrasten wenn du mich verlierst?" Er hatte so was erwartet. Und so fuhr hielt er den Wagen an und zog sie an sich! "Ich würde die Welt aus dem Angeln heben wenn ich dich und die Kinder verlieren würde!"  Und dann küsste er sie leidenschaftlich.


ENDE
 
Geschrieben in 75 Beiträgen,
von Carmen 22, Meerhexe 27, Tuffi 26.

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« Letzte Änderung: 25. Juli 2010, 18:29:54 von Tuffi » Moderator informieren   Gespeichert

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